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Alfred Escher (links), Jakob Stämpfli. (RDB)
Der Eisenbahnkönig Alfred Escher (1819– 1882), der Volkstribun Jakob Stämpfli (1820–1879) und der Staatsmann Emil Welti (1825–1899). Drei freisinnige Charakterköpfe und Kämpfer aus dem bewegten 19. Jahrhundert: Kantig, kräftig, konsequent. Was würden die drei heute sagen über «ihre» zerstrittene FDP? Vielleicht hätten sie Freude daran, denn die freisinnigen Politiker im neuen Bundesstaat schonten sich überhaupt nicht. Vielleicht aber würden sie den Kopf schütteln, weil der heutige Streit so selbstzerstörerisch scheint.
In der nationalen Eisenbahnfrage, die den jungen Bundesstaat umtrieb, schenkten sich Escher und Stämpfli jedenfalls nichts. Der Zürcher Nationalrat, Industrielle und liberale Aristokrat Escher vertrat die Privatbau-Anhänger. Der Berner Regierungs- und spätere Bundesrat Stämpfli setzte sich für den Staatsbau ein. Das Parlament beschloss 1852 den Privatbau. Escher hatte gewonnen.
Später wurde der Gotthardtunnel sein Schicksal. Er war Präsident der Baugesellschaft, die sich im Laufe der Tunnelarbeiten (1872–1882) verschuldete. Escher musste 1878 abtreten. Bei der Tunneleröffnung durfte er nicht dabei sein. Wenig später starb er als völlig vereinsamter Mann. Ab 1898 kaufte der Bund die Bahnen schrittweise von den Privaten zurück. Jakob Stämpfli hatte doch noch recht bekommen.
Aber gehen wir zum Anfang: Die radikalen und liberalen Kräfte hatten die Konservativen 1847 im Sonderbundskrieg besiegt und erarbeiteten eine Bundesverfassung. Sie wurde am 12. September 1848 vom Volk angenommen. Liberale, Radikale, Demokraten: Sie waren die freisinnige Grossfamilie und hatten alle Anteil am Aufbau des Bundesstaates. Aber erst 1894 gelang es, mit der Gründung der Freisinnig-demokratischen Partei (FDP) eine gesamtschweizerische Basis zu legen.
Die junge Schweiz durchlief eine rasante Entwicklung vom Bauernland zum Industriestaat. Die politischen Mandate waren Schlüsselstellen in dieser Entwicklung. Der Freisinn übte die Kontrolle der wichtigsten Positionen aus. Freisinnige Politiker – von Feinden «Bundesbarone» genannt – setzten ihren Einfluss schamlos durch. Der innere Kreis um Escher beherrschte die absolute Mehrheit im Parlament.
Im Bundesrat gab es – wie heute auch – Leaderfiguren und Hinterbänkler. Zwischen den Alphatieren kam es nicht selten zu Machtkämpfen. Eine herausragende Stellung nahm Emil Welti ein. Er sass 24 Jahre im Bundesrat und war sechsmal Bundespräsident. Seine Schaffenskraft war enorm, sein Einfluss riesig, sein Durchsetzungsvermögen legendär. Man nannte Welti den «schweizerischen Bismarck». Trat er im Parlament auf, «so verstummte sofort das Gemurmel im Saal», schrieb die Zeitung «Bund».
Die Vorherrschaft des Freisinns endete 1919 mit den ersten Proporzwahlen in den Nationalrat. Schon 1891 hatte er freiwillig einen Sitz im Bundesrat dem Katholisch-Konservativen Josef Zemp überlassen. Aber jetzt verlor die mächtige Partei auf einen Schlag 45 ihrer 105 Mandate in der grossen Kammer. Die SP verdoppelte mit 41 Sitzen ihre Vertretung. Von nun an war der Freisinn auf Koalitionspartner angewiesen.
Morgen im BLICK: Wie aus der FDP die Filzpartei wurde.
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Jürg Lehmann, Autor. (Blick)