Der liberalste Kandidat der Schweiz «Jeder Erwachsene soll kiffen dürfen»

  • Publiziert: 06.10.2011, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Simon Hehli

Die Auswertung der Wahlplattform Vimentis.ch zeigt: Der Grünliberale Martin Luchsinger (36) ist der Liberalste aller Nationalrats-Kandidaten. Im Gespräch mit Blick.ch erklärt er, wieso der Staat sich zurückhalten soll.

Blick.ch: Was bedeutet es für Sie, liberal zu sein?
Martin Luchsinger: Ich verstehe den Liberalismus nicht nur wirtschaftspolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch. Der Staat soll den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben gestalten. Aus diesem Grund bin ich beispielsweise dafür, dass Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen. In der Wirtschaft müssen wir ein paar wenige, klar definierte Rahmenbedingungen setzen, damit der Staat dort eingreift, wo es ein Marktversagen gibt. Aber das muss mit möglichst wenig Bürokratie passieren.

Die Grünliberalen gelten als Wundertüte. Warum sind Sie nicht bei einer anderen Partei gelandet?
Die Grünen sind für mich zu ideologisch und links, sie sehen in der Wirtschaft etwas Negatives. Dabei schadet diese nicht dem Land, sondern ist eine wichtige Säule unseres Wohlstands. Bei der SP gibt es mirimmer noch zu viele Altmarxisten. Die FDP wiederum tickt vor allem neoliberal und stiehlt sich aus der ökologischen Verantwortung. Deshalb war ich froh, als Martin Bäumle 2004 die Grünliberalen gründete, ich war eines der ersten neuen Mitglieder. Wir wollen die Umwelt schonen – aber mehr durch wirtschaftliche Anreize als durch Verbote.

Sie sind für den EU-Beitritt – im Gegensatz zu Ihrer Partei.
Ich bin der Meinung, dass eine Kooperation mit Europa enorm wichtig ist – sowohl bei Energiefragen wie bei der Sicherheit. Die grundsätzlichen Fragen werden wir zusammen mit unseren Nachbarländern lösen müssen. Zum Beispiel könnten wir unseren Luftraum gemeinsam schützen, statt jetzt für viele Milliarden neue Kampfjets zu kaufen. Aus diesem Grund sollten wir Beitrittsverhandlungen führen. Ich bin aber kein Euroturbo: Ein Beitritt kann auch erst in 15 Jahren erfolgen.

Auch den straffreien Cannabis-Konsum für Erwachsene befürworten Sie als Liberaler. Haben Sie schon gekifft?
Ja, aber ich bin kein grosser Fan davon. Es soll jedem selbst überlassen sein –wie beim Alkohol. Es ist alles eine Frage des Masses. Die Freigabe müsste aber kombiniert mit einem stärkeren Jugendschutz sein. Denn die Jungen müssen vor masslosem Drogenkonsum geschützt werden.

Wo orten Sie den grössten Handlungsbedarf in der Schweizer Politik?
Wir müssen die Rolle der Informationstechnologie in der Schweiz stärken.

Das tönt jetzt aber eher nach den Nerds von der Piratenpartei.
Denen geht es vor allem um die Rechte des Einzelnen im virtuellen Raum. Aber die Informatik bietet Chancen, die weit darüber hinaus gehen. Dank moderner Software könnten wir den Verkehr besser steuern, Energie sparen durch intelligente Netze, oder den Gesundheitsbereich mit elektronischen Patientenakten effizienter und günstiger machen. All das wäre technisch machbar. Nur sitzen eben kaum IT-Experten im Bundeshaus. Die Gesellschaft ist längst im Informationszeitalter angekommen, doch unsere Politik steckt noch im 20. Jahrhundert.

Nützt Ihnen Ihre Positionierung als Ultraliberaler etwas für den Wahlkampf?
Mich überrascht nicht, dass ich sehr liberal positioniert bin – höchstens, dass ich laut vimentis.ch als derart sozialliberal durchgehe. Das hat wohl mit meiner progressiven Haltung in Ausländerfragen und in der Aussenpolitik zu tun. Inwiefern mir das hilft, wird sich zeigen. Ich bin auf Platz 10 der Zürcher GLP-Liste, da sind die Wahlchancen durchausnoch intakt.

Die Serie

Die Online-Wahlplattform Vimentis.ch hat exklusiv für Blick.ch festgestellt, welche fünf Nationalratskandidaten die Extrempositionen besetzen: am weitesten rechts, links, liberal und konservativ, sowie genau in der Mitte. Von den fast 3500 Kandidaten haben rund zwei Drittel den Vimentis-Fragebogen ausgefüllt, der als Grundlage für die Verortung in einem zweidimensionalen Schema dient. In einer fünfteiligen Serie fühlt Blick.ch den «Gewinnern» auf den Zahn.