Der Basler Migrationsbeauftragte Thomas Kessler: «Viele Asylbewerber sind reine Abenteuermigranten»

BASEL - Eine Milliarde Franken kostet das Asylwesen die Schweiz. Und nun sagt Migrations-Experte Thomas Kessler: «90 Prozent der Asylbewerber kommen zum überwintern.»

  • Publiziert: 23.01.2012, Aktualisiert: 26.01.2012
  • Von Karin Müller
play Die Schweiz ist eine beliebte Destination – gerade für Tunesier ohne wirtschaftliche Perspektiven im Heimatland. (Keystone)

Erst letzte Woche meldete das Bundesamt für Migration (BfM) einen absoluten Höchststand an Asylgesuchen. Mit 22551 Gesuchen liegt die Zahl rund 45 Prozent über dem Vorjahr. Die wichtigsten Herkunftsländer sind Eritrea, Tunesien und Nigeria.

Mittlerweile ist klar: Die meisten dieser jungen Männer sind gar keine Menschen in Not. Es sind sogenannte Abenteuermigranten.

Dies bestätigt Thomas Kessler, Migrationsspezialist und Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung in Basel.

«Meine Erkenntnisse beruhen auf Gesprächen mit Verantwortlichen der Grenzwache, von Asylberatungsstellen bis zum Arbeiterhilfswerk und dem Bundesamt für Migration. Zur aktuellen Situation direkt befragt schätzen alle aktuell mehr als 90 Prozent Wirtschafts- und Abenteuermigranten.»

Essen, Party, Alkohol und Frauen


Er habe den Begriff Abenteuermigration eingeführt, weil der die tatsächliche Motivation dieser jungen Männer beschreibt. «Sie suchen im Gegensatz zu Arbeitssuchenden nicht klassische Lohnarbeit, sondern Gelegenheiten für Obdach, Essen, Geld, Party mit Alkohol und Frauen – also uralte Motive der jungen Männer, wie sie aus der Geschichte bestens bekannt sind.»

Wirklich politisch Verfolgte machen laut Kessler lediglich rund 10 Prozent aus. Sie kommen mehrheitlich aus dem Orient und Ostafrika.

Die Wirtschafts- und Abenteuermigranten sind vor allem junge Tunesier ohne Familie.

Kessler weiter: «Die aktuelle Migration aus Tunesien und anderen nordafrikanischen Ländern verschiebt die Zahlen, die jungen Männer sind fast ausschliesslich auf Arbeit oder andere Formen von Einkommen und Abenteuer aus.»

Europäische Touristen locken Asylbewerber

Gemeint sind Erlebnisse, die sie in ihrer Heimat wegen der Sozialkontrolle und Sittenstrenge nicht machen können.

«Von den europäischen Touristen haben sie das Bild eines reichen und freizügigen Kontinents; sie drehen mit ihren Ansprüchen quasi das Bild um und wollen hier die Vorzüge Europas geniessen.»

Mehr Empfangszentren müssen her

Die aktuellen fünf Empfangszentren (EZ) sind zu klein. Laut Migrationsexperte Thomas Kessler sollten im grenznahen Gebiet weitere drei Zentren gebaut werden. Es müsste künftig möglich sein, ein ganzes Asylverfahren in 150 Tagen abzuschliessen statt wie jetzt in rund 1400 Tagen.

«In der Südschweiz braucht es sicher ein zusätzliches EZ, auch in der Westschweiz und an der Ostgrenze, an einem Ort, der Flexibilität gegenüber wechselnder Immigration ermöglicht.»

Die Kosten für den dringend notwendigen Kapazitätsausbau am Anfang des Verfahrens, betragen laut Kessler rund 200 Millionen Franken. «Dieser Betrag wird mehr als kompensiert durch die wegfallenden Kosten in den Kantonen und Gemeinden, das wesentlich kürzere Verfahren, den damit verbundenen Rückgang an Attraktivität für Zeiterschleicher und die Entlastung durch weniger Kriminalität

Der Umbau des Asylwesens rechnet sich auf jeden Fall; das heutige System verursacht enorme Primär- und Sekundärkosten.
play Der Basler Migrations-Experte Thomas Kessler redet Klartext über die Vielzahl an Asylbewerbern.