10 Tage vor dem Klimagipfel von Kopenhagen «Treibhausgase sind dem Klima eigentlich wurscht»

  • Publiziert: 29.11.2009, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Interview: Johannes von Dohnányi

Nobelpreisträger Prof. Thomas Stocker: Die Schweiz läuft Gefahr, die mit dem Klimawandel verbundenen Chancen zu verpassen.

Herr Professor, es gibt gute Nachrichten: US-Präsident Barack Obama (48) will in Kopenhagen verbindliche Zusagen zur Reduzierung des amerikanischen CO2-Ausstosses machen.
Professor Thomas Stocker:
Das zeigt, wie schnell die Situation sich verändern kann, wenn die oberste politische Führung eines Landes sich einmal entschieden hat. Nur: Jede Politik gegen den Klimawandel wird Erfolge erst Jahrzehnte später verbuchen können.

Spiegelt sich dieses Problem auch in der Schweizer Klimaschutzpolitik wider?
Ich habe grossen Respekt vor unserem zuständigen Bundesrat Moritz Leuenberger. Der hört sich die Argumente der Wissenschaft etwa für die Zwei-Grad-Erwärmungsobergrenze mit Ernsthaftigkeit an. Diese umzusetzen, ist aber etwas ganz anderes. Dazu bräuchte es die Unterstützung auch der Wirtschaftseliten. Und da haben wir in der Schweiz ein echtes Problem.

Wer bremst da?
Die Verbände haben Massnahmen zum Klimaschutz bisher sehr effektiv verhindert oder abgeschwächt. Diese Kreise sind, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu überzeugen.

Von welchen Kreisen reden Sie?
Ich meine Teile der Autoindustrie, die Erdölvereinigung, leider auch die Economiesuisse und so weiter. Trotz des Kyoto-Protokolls ist unser CO2-Ausstoss in wichtigen Sektoren gestiegen. Dabei ist die Technologie etwa für das 3-Liter-Auto längst vorhanden. Aber in diesen Kreisen ist die Botschaft, dass die Krise auch gewaltige Chancen für die Zukunft bietet, noch nicht richtig angekommen.

Was für Chancen meinen Sie?
Es geht nicht darum, Arbeitsplätze zu vernichten, sondern darum, heute die Jobs von übermorgen zu entwickeln. Wir können stehen bleiben – dann überholen uns die anderen. So wie das schon in der Solar- und der Windtechnologie geschehen ist. Oder wir sind mit dem Arbeits- und Werkplatz Schweiz an vorderster Front der innovativen Veränderungen. Stellen Sie sich vor, welchen Imagegewinn die Schweiz international haben könnte.

Das würde ohne die Politik nicht gehen. Bloss: Solche langen Zeiträume sind den Wählern kaum vermittelbar.
Wieso? Bei der Planung der Ausbildung von Kindern oder dem Rentenalter geht es doch auch um Jahrzehnte. Wenn der Mensch weiter als bis zum nächsten Quartalsbericht denken kann – warum sollte er das nicht auch in Klimafragen können?

Aber dazu müsste Sicherheit über das Ausmass der Gefahr bestehen. Stattdessen herrscht Verwirrung. Vor kurzem hiess es, die Erde sei im letzten Jahrzehnt nicht wärmer geworden. Jetzt behaupten andere Wissenschaftler, es sei alles noch viel schlimmer – ja, was stimmt denn nun?
Solche Zehn-Jahres-Fenster, wo scheinbar keine Erwärmung beobachtbar war, hat es in den letzten 150 Jahren mehrmals gegeben. Beobachtungen von nur gerade zehn Jahren sind einfach zu kurz, um zuverlässige Aussagen über das Klima und seine Veränderungen zu machen.

Und dieser neue Katastrophen-Report? Wollten da einzelne Wissenschaftler Politik machen?
Diesen Eindruck kann ich nicht völlig ausschliessen. Meiner Ansicht nach fehlt diesem Bericht die wissenschaftliche Strenge und breite Abstützung, mit der wir vom Zwischenstaatlichen UN-Gremium zum Klimawandel (IPCC) Ergebnisse vor ihrer Veröffentlichung mehrmals überprüfen. Verwirrung entsteht immer, wenn man neben den wissenschaftlichen Resultaten nicht auch über ihre Unsicherheiten informiert.

Lassen Sie mich das verstehen: Wie nah sind wir heute wirklich an der Klimakatastrophe?
Von mir werden Sie das Wort Katastrophe nie hören. Aber wir sind an einem Punkt, an dem wir den Klimawandel in allen Weltregionen bereits messbar erfahren. Wir können das an Indikatoren wie der Temperatur, den Niederschlägen oder der Eisschmelze an den Polen messen. An diesem Punkt waren wir vor 20 Jahren noch nicht.

Und Sie sind sicher, dass Sie sich nicht irren, Herr Professor?
Wir haben in der Wissenschaft gelernt, mit einem minimalen Rest an Unsicherheit umzugehen und diese auch laufend zu reduzieren. Aber die Evidenz der Forschungsergebnisse ist erdrückend. Die Wissenschaft kann nicht mehr als Alibi benutzt werden, um politische Entscheidungen zu verschieben.

Und was passiert, wenn wir so weitermachen wie bisher?
Dem Klima ist das eigentlich wurscht, wie viel Treibhausgase in unserem Ökosystem sind. Aber wir leben von den Dienstleistungen dieses Systems. Und wenn das System sich verändert, verändern sich auch die Dienstleistungen. Die Kornkammer in Nordamerika etwa wird nach den Modellrechnungen weiter nach Norden wandern. Die wirtschaftlichen Folgen und die Kosten solcher Entwicklungen – über die müssen wir uns klar werden. Wenn Ressourcen wie Nahrungsmittel knapp werden, werden internationale Konflikte aufbrechen. Den Klimawandel zu bekämpfen, bedeutet also auch Friedenssicherung.

Wird in Kopenhagen schon deshalb ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls beschlossen werden?
Die Chancen stehen nicht sehr gut, weil die beiden weltgrössten Luftverschmutzer, die USA und China, noch nicht wirklich gesagt haben, zu welchen Abmachungen sie wann bereit sein werden – immer unter der Voraussetzung, dass man in Kopenhagen überhaupt ein Klimaziel festlegen will.

Sie zweifeln am Willen der Politik zu einer Richtungsänderung?
Das IPCC zeigt seit Jahren die Schritte auf, die notwendig wären, um die drohende Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Je mehr Zeit man verstreichen lässt, umso schwieriger wird es, dieses Ziel zu erreichen. Das wissen alle.

Persönlich

Thomas Stocker (50) hat an der ETH Umweltphysik studiert. 1987 wurde er für seine Doktorarbeit mit der Medaille seiner Universität ausgezeichnet. Nach mehreren Forschungsjahren in Nordamerika übernahm Stocker 1993 die
Leitung des Physikalischen Instituts der Universität Bern. Daneben leitet der preisgekrönte Professor eine Forschungsgruppe, welche die Vereinten Nationen über den Klimawandel berät.