Politkolumne Störsender Passen Sie auf, Herr Burkhalter!

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • Von Jürg Lehmann

Wenn Bundesrat Didier Burkhalter spricht, hört man ihm zu. Wie lange noch? Er will «Vertrauen» schaffen. Doch wenn seinen Worten nicht bald Taten folgen, hat er ein Problem.

FDP-Politiker Didier Burkhalter ist seit dem 1. November 2009 Bundesrat. In diesen etwas mehr als vier Monaten hat der Neuenburger als Innenminister und Nachfolger von Pascal Couchepin schon zahlreiche Auftritte absolviert und Reden gehalten.

Er sieht sich als Vermittler und Brückenbauer. Er ist ein bis auf die Knochen pragmatischer Politiker. Er glaubt an die Gestaltungskraft und an den Dialog, aus dem Kompromisse entstehen.

In seinen Ansprachen und in seinen Sätzen wird ein Muster erkennbar, das sich wiederholt. Seine Lieblingsvokabel ist das Wort «Vertrauen», das er gleichsam in einer Endlosschlaufe repetiert.

Burkhalter betont das Vertrauen

Beispiele gefällig? Bitte:

► Wenn es um die internationale Isolation der Schweiz geht, sagt Burkhalter: «Vor allem muss man Vertrauen in die Haltung der Schweiz haben und diese besser verteidigen und sie besser erklären.»

► Er ruft dazu auf, der Wissenschaft mehr «Vertrauen» zu schenken. Der Erfindergeist müsse noch mehr angestachelt werden, um die Schweiz in der Spitzengruppe der innovativsten Länder zu halten.

► Auch der Jugend will der Bundsrat mehr «Vertrauen» gewähren. Und er ergänzt: «Der gewalttätige und faule Jugendliche, der uns regelmässig in den Medien präsentiert wird, ist die Ausnahme.»

► In einer Rede, die auch das Gesundheitswesen, beinhaltet, beschwört er die Werte Respekt, Freiheit, Verantwortung, Sicherheit und «Vertrauen» und plädiert für Reformen, die wir jetzt anpacken müssten – «auch wenn sie schmerzhaft sind».

► Der SVP redet er ins Gewissen: «Betreiben Sie echte Politik, die auf der Basis von Vertrauen statt Misstrauen aufgebaut ist.»

► An der Eröffnung der Muba in Basel sagte er, es sei vordringlich, wieder das «Vertrauen» der Bevölkerung zu gewinnen und das Zusammenspiel von politischer und wirtschaftlicher Stabilität zu etablieren.

► Dem SonntagsBlick sagte er am 21. Februar ohne Umschweife: «Wir haben in der Schweiz eine Vertrauenskrise.»

► Nach dem Nein zur Senkung der Renten in der Zweiten Säule vom letzten Sonntag ruft Burkhalter zu einem politischen Klimawechsel auf: Weg von Misstrauen, hin zu «Vertrauen».

Den Worten müssen Taten folgen

Vertrauen. Vertrauen. Vertrauen. Didier Burkhalter versprüht das Wort inzwischen bei jeder Gelegenheit vor jedem Publikum und in alle möglichen Richtungen.

Passen Sie auf, Herr Burkhalter! Wenn Sie einen Begriff im Übermass gebrauchen, nützt er sich ab oder wird zur klebrigen Floskel, bis Ihnen niemand mehr zuhören will.

Dieser Punkt ist bald erreicht. Darum: Handeln Sie, solange man Sie noch ernst nimmt. Politiker werden nach ihrer Wahl an den Taten gemessen und nicht an schönen Worten. Diese Erfahrung muss auch Barack Obama machen. Das sollten Sie sich und uns ersparen.

Polit-Autor Jürg Lehmann

Unser Kolumnist Jürg Lehmann (61) ist seit über 30 Jahren Journalist bei verschiedenen Tages- und Sonntagszeitungen der Schweiz. Während acht Jahren war er als Bundeshauskorrespondent mit Sitz in Bern tätig. Von 1999-2003 war er BLICK-Chefredaktor. Heute ist er Autor in der BLICK-Gruppe und Leiter der Ringier Journalistenschule
Bundesrat Didier Burkhalter (FDP): Muss seinen Worten Taten folgen lassen, meint Blick-Politautor Jürg Lehmann.- Keystone

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