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FDP-Ständerat Dick Marty ist der Wunschkandidat vieler Linken – doch wenn der Poker schief geht, könnte am Schluss Christian Lüscher triumphieren.- Philipp Zinniker
Die Ausmarchung zwischen den offiziellen Bundesratskandidaten Urs Schwaller (CVP), Didier Burkhalter und Christian Lüscher (beide FDP) wäre schon eng genug – doch mit dem Tessiner Ständerat Dick Marty tauchte in den letzten Tagen eine weitere Alternative auf, die sämtliche Rechenspiele der Parteien zunichte machen könnte.
Der grösste Fürsprecher Martys ist SP-Nationalrat Andreas Gross. Obwohl der Jurist in Wirtschaftsfragen keineswegs auf einer Linie mit den Linken ist – so stimmte er etwa gegen einen Lohndeckel für Manager – hat Gross ihn zum Gegenkandidaten aufgebaut. Denn Marty geniesst wegen seiner offenen Haltung gegenüber der EU viel Kredit im rotgrünen Ratsdrittel.
«Martys Chancen werden immer besser», ist Gross überzeugt. Und auch die St. Galler SP-Nationalrätin Hildegard Fässler glaubt, dass der Tessiner keineswegs chancenlos sei. In den ersten beiden Wahlgängen könnte er 30 bis 40 Stimmen holen – und sollte es ihm dann gelingen, einen der beiden offiziellen FDP-Kandidaten aus dem Rennen zu werfen, würde sich eine grosse Eigendynamik entwickeln, so das Kalkül von Gross. Unterstützung erhält er vom Grünen Bastien Girod: Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass Marty einige Stimmen aus seiner Fraktion erhalte, darunter auch Girods eigene.
Wenig Freude am Lobbying von Genosse Gross hat die SP-Parteileitung um Präsident Christian Levrat und Fraktionschefin Ursula Wyss. «Uns stehen drei offizielle Kandidaten zur Auswahl, das reicht», findet Wyss. Dass sie die Option Marty ablehnt, hat nichts mit dessen politischen Leistungsausweis zu tun: Sie betont, dass Marty der Linken von allen Kandidaten eigentlich am nächsten stünde.
Doch die SP-Führung hat bei diesen Wahlen vor allem ein Ziel: den rechtsfreisinnigen Bonvivant Christian Lüscher verhindern. Sollte die Taktik von Gross und Co. aufgehen, könnte es im Schlussgang zu einem Duell Marty gegen Lüscher kommen – Schwaller wäre ohne SP-Stimmen rausgeflogen. Tonangebende CVP-Vertreter warnen schon, dass es in diesem Fall eine Retourkutsche geben wird: Um den Genossen eins auszuwischen, würde eine CVP-Mehrheit Lüscher zur Wahl verhelfen.
Dieses Worstcase-Szenario will die SP-Spitze verhindern. Pragmatiker unter den SP-Parlamentariern wie die Zürcher Chantal Galladé, Mario Fehr oder Daniel Jositsch gehen mit der Führung einig und setzen auf Schwaller oder Burkhalter. Andreas Gross hingegen mag sich nicht von strategischen Überlegungen leiten lassen. «Ich richte meine Politik nicht nach den Wahlchancen eines Kandidaten. Sondern ich setze mich für den Besten ein. Wenn ich dann scheitere, habe ich es wenigstens versucht», so Gross.
Dass Marty im nächsten Januar schon 65 wird und damit als Rentner im Bundesrat sitzen würde, ficht Gross nicht an: «Für die Blocher-Fans war dessen Alter ja auch nie ein Problem.» Er spüre das politische Feuer, das in Marty brenne, betont Gross. «Deshalb hat er viel mehr Energie als ein ausgebrannter 50-jähriger Zyniker.»
Nach den Vorgaben von Christian Levrat wollen die Genossen heute Nachmittag transparent machen, mit wie vielen Stimmten die Kandidaten rechnen dürfen – allerdings geht es dabei vorläufig nur um die Frage Schwaller oder Burkhalter. Wie gross die Unterstützung der SP-Fraktion für Dick Marty wirklich ist, dürfte sich erst morgen zeigen. Bis dann gehen die Richtungskämpfe weiter – auch bei den Grünen.
SP-Fraktionschefin Wyss versucht, die Linken auf die offiziellen Kandidaten Schwaller oder Burkhalter einzuschwören.- Keystone