SRG-Generaldirektor Roger de Weck «Ich habe noch nie gewonnen, ohne zu kämpfen»

Charmeoffensive: Wie SRG-Chef Roger de Weck zukünftig mit den Privaten zusammenarbeiten will – das Interview.

SRG-Generaldirektor Roger de Weck gestern Vormittag in Zürich. play

SRG-Generaldirektor Roger de Weck gestern Vormittag in Zürich.

Sabine Wunderlin

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Die SRG geht in die Offensive. Sie bietet privaten Verlagen eine Kooperation an. Diese sollen SRG-Beiträge in ihre Websites einbinden können. Und Sportrechte gemeinsam auswerten. Zudem offeriert die SRG den Privaten auf technologischer Ebene Hilfe und auf SRF Info Sendeplätze. Mit der Swisscom und Ringier – dem Verlag der Blick-Gruppe – will die SRG eine Werbeplattform schaffen. Das stösst bei anderen Verlagen auf Widerstand.

SonntagsBlick: Herr de Weck, seit wann packt Sie die griechische Mythologie?
Roger de Weck:
Mein Griechischlehrer konnte die gesamte Odyssee auswendig erzählen. In der Stunde vor den Ferien hat er sie jeweils deklamiert. Das weckte Liebe.

Sie wissen offenbar viel über das alte Troja. Sie setzen Schweizer Verlagen ein trojanisches Pferd ins Haus, in dem Sie ihnen SRG-Videos zur Verfügung stellen.
Ein trojanisches Pferd ist hohl. Unsere Angebote sind substanziell.

Es ist ein Trick. Die SRG will an den Werbeeinnahmen partizipieren, die ein Verlag mit ihren Videos erzielt. Mit dem Angebot hebelt die SRG das Online-Werbeverbot aus.
Wir haben jetzt elf Kooperations-Vorschläge gemacht. Sie sind Win-win. In härteren Zeiten und im globalisierten Wettbewerb sollten die Schweizer Medien einander stärken. Uns geht es nicht um zusätzliche Einnahmen. Wir wollen unter vernünftigen Bedingungen gut zusammenarbeiten. Die Einnahmen sind minim.

Was erhält die SRG, wenn sie einen «10vor10»-Beitrag abgibt?
Stellen wir ein aktuelles Video einer kleinen Zeitung wie den «Schaffhauser Nachrichten» zur Verfügung, wird unsere Beteiligung an den Werbeeinnahmen eher symbolisch sein.

Wie viel?
Gewiss ein paar Franken. Wir könnten die Videos längst von Youtube vermarkten lassen und so mehr einnehmen.

Warum machen Sie das nicht?
Es geht uns in erster Linie um handfeste, pragmatische Kooperationen mit der Medienbranche der Schweiz.

Es scheint Ihnen auch um den Ruf der SRG zu gehen. Warum kommt Ihre Charmeoffensive gerade jetzt?
Der Ruf ist vorzüglich: 96 Prozent der Menschen im Lande nutzen jede Woche unser Angebot. Gibt es ein Sparprogramm, sind die Reaktionen darauf, dass wir Sendungen streichen, heftig. Unser Publikum reagiert ausserordentlich sensibel, wenn wir abbauen müssen.

Sie weichen aus: Warum die Offensive jetzt?
Heute ist der 10. Januar. Seit fünf Jahren und 10 Tagen bin ich im Amt. Ein halbes Jahr, bevor ich es antrat, führte ich erste Gespräche mit privaten Medienhäusern. Und schlug damals schon vor, zusammenzuarbeiten. Das tue ich bis zum letzten Arbeitstag.

Vor zehn Jahren wäre eine No-Billag-Initiative undenkbar gewesen, das RTVG-Gesetz wäre klarer angenommen worden. Was ist passiert, dass die SRG nicht mehr unantastbar ist?
Dreierlei. Es gibt Kräfte, welche die öffentlichen Medienhäuser kaputt schlagen möchten. In Grossbritannien etwa will der britische Premierminister David Cameron das weltbeste Radio und Fernsehen BBC im Mark treffen. Dafür gibt es ideologische Gründe. Zudem will sich Cameron beim australisch-amerikanischen Tycoon Rupert Murdoch revanchieren. Der hat Cameron mit an die Macht gebracht.

Und zweitens?
Viele Verlage sind in einem schwierigen Umbruch. Manche glauben, wenn das öffentliche Radio und Fernsehen geschwächt wird, stärke das die privaten Medienhäuser.

In einem echten Wettbewerb wäre das so.
Das ist eine Illusion. Unsere massgeblichen Konkurrenten sind die deutschen, französischen und italienischen Kanäle, dazu globale audiovisuelle Anbieter wie Netflix und Youtube.

Was ist der dritte Grund?
Es gibt eine junge Generation, die nie einen Rappen für das Abonnement einer Zeitung zahlen wird. Sie fragt sich, warum sie Gebühren für ein gutes öffentliches audiovisuelles Angebot zahlen soll.

Was sagen Sie dieser Jugend?
Vergessen Sie nicht, dass es weniger um Verbreitung geht, sondern vor allem um Produktion. In der kleinen Schweiz sind Sendungen von Qualität für ein breites Publikum zu 90 Prozent ein Riesenverlustgeschäft.

Kritiker sagen, die SRG sei ein Staatsfernsehen. Und das gehöre nicht zur Demokratie.
Staatsfernsehen gibt es in Nordkorea oder Syrien, soweit Syrien überhaupt noch ein Staat ist. Wir sind der unabhängigste öffentliche Anbieter in Europa. Es gibt aber Kräfte, die uns in ein Staatsfernsehen verwandeln möchten. Wäre jeweils ein Vertreter der grössten Partei Generaldirektor der SRG …

… alt Nationalrat Christoph Mörgeli von der SVP verlangte das …
… dann wären wir in der Tat beim Staatsfernsehen und Staatsradio. Schweizer mögen keine Obrigkeit, sie würden ein Staatsfernsehen nie akzeptieren. Und: Als Staatsfernsehen hätten wir nicht den geringsten Erfolg.

Wie erklären Sie sich denn den Angriff von rechts?
Es gibt Kritik von allen Seiten. Ein Teil der Rechten findet, wir seien ein linker Haufen – obwohl sich jetzt der zweite SVP-Bundesrat einen SRG-Journalisten als Kommunikations-Chef holt. Die Linke klagt, wir seien zu volkstümlich. Und die Mitte kritisiert, sie käme zu kurz. Eine allseitige mittlere Unzufriedenheit ist ein Indiz, dass wir einigermassen richtig liegen.

Sie wollen Sport-Übertragungen mit privaten Sendern teilen, bieten aber nur Randsportarten an. Nicht Fussball oder Eishockey.
Kooperation ja, Einheitsbrei nein. Bei den meisten Sportarten müssen kleinere TV-Kanäle Erfahrungen sammeln, ob es funktioniert. Bei Fussball und Eishockey, die von vornherein beim Publikum ankommen, soll der Wettbewerb spielen.

Der Wettbewerb ist verzerrt. Die SRG kann mit Gebühren alle übertrumpfen. Private TV-Sender haben beim Bieten für Fussball keine Chance.
Letztes Mal unterlag die SRG, die Swisscom kam zum Zug. Beim nächsten Mal bieten sicher mächtige Anbieter wie UPC mit.

Kommen für Sie die grössten Konkurrenten aus den USA?
Derzeit – und wohl noch für lange – sind es die deutschen, französischen und italienischen Kanäle. Die ausländischen Anbieter halten über 60 Prozent am Schweizer TV-Markt. Die Hälfte der Einnahmen aus Werbespots fliesst an die Schweizer Werbefenster ausländischer Kanäle. Bei zielgruppenspezifischer Werbung sind es 60 bis 70 Prozent, die an Google, Facebook und bald auch Amazon gehen. Google oder Facebook haben mehr Nutzer als alle Websites aller Medienhäuser der Schweiz.

Und Sie glauben, mit der Werbeallianz gegen diese US-Übermacht zu bestehen?
Es geht nun wirklich nicht darum, den Markt aufzurollen. Wir wollen Marktanteile halten. Jeder für sich hätte keine Chance. In der angelsächsischen Welt vermarkten «Economist», «Financial Times», «Guardian», der TV-Kanal CNN und die Agentur Reuters gemeinsam ihre Werbung. Selbst diese grossen Medienhäuser merken: Allein haben sie gegen Riesen wie Google und Facebook keine Chance.

Sie waren Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» …
… sehr gerne sogar …

… wären Sie heute «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor …
… vielleicht immer noch gerne? Ich mache Arthur Rutishauser den Job gewiss nicht streitig …

… würden Sie als Tagi-Chef den Tamedia-Chef motivieren, der Werbeallianz beizutreten?
Jeder, der mit dieser Plattform zusammenarbeitet, wird mehr Geld machen.

Die Tamedia sträubt sich.
Die einzige echte Kritik, die ich höre, ist: Die Falschen machen das Richtige. Ob nur rein private oder öffentliche Unternehmen den Medienplatz Schweiz stärken, ist nicht absolut entscheidend. Noch wichtiger ist, das Richtige zu tun.

Sind Sie enttäuscht, dass kein anderes Medienhaus der Allianz beitreten will?
Es ist eine offene Plattform, bei der jeder Interessent mitmachen kann. Ich finde es richtig, dass zuerst einmal kritisch beäugt wird, was wir aufbauen. Gleichzeitig bin ich sicher: Wir sind auf dem richtigen Weg. Sobald die Prüfung des Bakoms erfolgt ist, wird das Interesse gross sein. Erste Zeichen haben wir.

Von wem?
(Schweigt lange) Von Kollegen.

Anfänglich hiess es, die Werbeallianz verzerre den Wettbewerb. Die NZZ fürchtet nach dem neuesten Angebot, der «sanfte Riese» SRG suche die «totale Herrschaft».
Die SRG ist im Schweizer Massstab ein Riese, im Massstab ihrer audiovisuellen Konkurrenten aber ein Liliputaner. Hier eine Balance zu finden, ist anspruchsvoll. Grösse weckt immer Ressentiments. Die SRG muss ihrer Verantwortung gerecht werden. Und wer im Land der direkten Demokratie herrschen möchte, der ist bald um einen Kopf kürzer.

Sie müssen 40 Millionen Franken sparen und 250 Stellen abbauen. Welche Inhalte sind tangiert?
Vorrang haben Verwaltung und Infrastruktur. Wobei der Handlungsspielraum hier begrenzt ist, da wir in den vergangenen Jahren eisern gespart haben.

Dann wird das Programm leiden?
Abstriche am Programm sind leider unvermeidlich. Gestern fand die letzte Swiss-Awards-Sendung statt.

Sie lief nur einmal im Jahr. Sind auch tägliche Sendungen betroffen?
Alle werden einen Sparbeitrag leisten. Das gilt für die Information, den Sport, die Unterhaltung. Es gibt Sendungen, die weniger Ausgaben produzieren, etwa die von Kurt Aeschbacher, was wir alle bedauern. Und es wird in den Redaktionen weniger Stellen geben. Das Publikum soll möglichst wenig davon merken.

Die Werbeallianz löst eine politische Debatte aus. Wie soll Medienpolitik mit der technologischen Entwicklung noch mitkommen?
Seit genau 40 Jahren bin ich in den Medien. Mit 22 Jahren habe ich angefangen, jetzt bin ich 62. Noch nie gab es so viel Veränderung wie in den vergangenen zwei, drei Jahren. Das macht ja meine Arbeit so spannend. Noch nie musste ich so viel nachdenken wie jetzt: Monatlich passiert etwas grundlegend Neues. Deshalb ist Medienpolitik eher undankbar; die Entwicklung übersteigt das Tempo der Politik. 

Es gibt in fast jedem Segment nur einen Sieger. Alle anderen fallen um. Dann wollen Sie zuletzt stehen bleiben?
Gestatten Sie mir ein selbstironisches Lächeln: Mit 30 Prozent Marktanteil am Fernsehen, um die wir hart kämpfen, sind wir weit, weit, weit davon entfernt, alleiniger Sieger zu sein.

Sie verlieren und gehen unter!
Lieber sich engagieren, als von vornherein aufgeben. Noch nie habe ich einen Kampf gewonnen, ohne zu kämpfen. 

Publiziert am 10.01.2016 | Aktualisiert am 10.01.2016
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8 Kommentare
  • Martin  Fürst aus Zürich
    10.01.2016
    Youtube hat viel mehr Marktanteil in der Schweiz und macht viel mehr Service public als die SRG, viel mehr Nischenangebote. Youtube hat die BILLAG-Milliarden eher verdient als die Fernseh-Bürokraten aus dem letzten Jahrhundert. Die werden noch senden wollen, wenn der letzte Zuschauer im Museum ausgestopft ist. Eine Bürokratie will immer weiterwachsen.
  • Hans  Leuchli aus Vellerat
    10.01.2016
    Herr de Weck, Ihre Absichten sind klar, Eingebundene könnten und würden gegen Ihren Moloch nicht mehr aufmupfen. Das sind SED Methoden aber das wissen Sie ja selbst.
    Diese Art von Medienpolitik ist Korrupt bis zum Geht nicht mehr.
    Es braucht drei Fernsehprogramme, für jede Landessprache eine, jeder Sender hätte anteilsmässig Sendezeit für die Rätoromanen nicht wie jetzt nur die grosszügige Mehrheit der Deutschschweizer. Den Rest können Private machen.
  • Charles  Metzger 10.01.2016
    Herr de Weck, wenn Sie Unternehmer spielen wollen, kündigen Sie alle Staats- und Gebührenbeiträge und werben Sie um Kunden auf freier Wildbahn. Das Ausmass Ihrer weltfremden Verblendung in ihrer geschützen Werkstätte ist nicht zu fassen. Herr de Weck, verschrotten sie ihren verfetteten, ideologieüberladenen Frachter und bauen sie aus dem brauchbaren Rest viele selbständig operierende Fregatten. Nur so werden die erzwungenen Gebührengelder wenigstens halbwegs föderalen Ansprüchen gerecht.
    • Chäpp  Zingg aus Rheintal
      10.01.2016
      Vielen Dank, Herr Metzger - auf den Punkt gebracht und brilliant geschrieben!
  • Daniel  Weilenmann aus Zürich
    10.01.2016
    Ich schaue seit Jahren höchstens die Tagesschau und Rundschau, den Kassensturz und Fussball/Sport. Ansonsten schaue ich bei ausländischen Anbietern TV. Mich stören die ewigen Wiederholungen, die hohen Gebühren und dass sich bei verschiedenen Sendungen sich die Themen bei verschieden Sendung decken. Die Billag müsste ich wennschon bei den Deutschen entrichten.
    • Roger  Keller aus Winterthur
      10.01.2016
      Ich denke im Bereich Sport könnte SRF viel sparen und die Gebühren senken. Mal schauen was Sie dann schreiben...
      Einer schaut Sport, einer Kultur, einer Nachrichten etc. Allen kann man es nicht recht machen und es werden Sendungen produziert, die nicht der Masse gefallen. Zudem ist die Schweiz klein und die Kosten gemessen an den möglichen Zuschauer sehr hoch. Konsequenterweise müsste man SRF auflösen und Sie können alles vom Ausland konsumieren. Das ist aber kaum wünschenswert.
    • Heidi  Engel , via Facebook 11.01.2016
      Ja mache genau gleich wie sie Herrn Weilemann, und etwa noch Kassensturz, und 10vor10 schaue ich mir auch noch an.
      der Rest ist SRF Werbefernsehen pur das mehr und mehr Überwiegt!!!
      den auf jedem anderen Schweizer Sender läuft Dauerwerbung den ganzen Tag!!!!
  • Marcel  Hodel 10.01.2016
    Ich glaube Herr De Weck kein Wort. Alles was er will ist seine Pfründe für sich und seine Seilschaften bei SRF zu sichern. Die einzige Lösung ist, dass die Kosten der SRF um mindestens die Hälfte gekürzt werden müssen. Und mit 50 Prozent können sie immer noch luxuriöses Fernehen, Radio betreiben. Zu teuere Eigenproduktionen, z.B. im Sport F1 wo sowieso RTE am Besten ist Glanz+Gloria etc. können gestrichen werden.