Sicherheitsexperte Mauro Mantovani zum Terror in Brüssel Kann man diesen Wahnsinn stoppen?

Den belgischen Sicherheitsbehörden hätten die islamistische Szene offenbar nicht im Griff, sagt Sicherheitsexperte Mauro Mantovani (52) von der ETH-Militärakademie im BLICK-Interview. Er rechnet auch in Zukunft mit Terroranschlägen in Europa.

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Herr Mantovani, Brüssel war in ständiger Alarmbereitschaft und hat einen Anschlag erwartet. Warum konnte der Terror trotzdem nicht verhindert werden?

Mauro Mantovani: Offenbar haben die belgischen Sicherheitsbehörden kein vollständiges Lagebild über den islamistischen Terrorismus in ihrer Hauptstadt. Schuld daran sind Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Behörden – es herrscht ein Kompetenz-Wirrwarr.

Liegt es nur daran?

Nein, der andere wichtige Grund: Die Terroristen haben mit der U-Bahn und dem Flughafen relativ einfache Ziel gewählt, um eine Bombe detonieren zu lassen. Man kommt leicht hin und kann einen grossen Schaden mit vielen Opfern anrichten. Das kann überall passieren – wobei der Anschlag am Flughafen wohl hätte verhindert werden können, ja müssen.

Wie das?

Gerade nach der Verhaftung von Salah Abdeslam wurde eine Reaktion seitens des terroristischen Netzwerks erwartet. Da hätten die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen deutlich erhöht werden müssen – etwa mit Zugangskontrollen schon ausserhalb des Flughafens. Offenbar konnten die Attentäter problemlos zu den Check-in-Schaltern spazieren und dort ihre Bomben zünden.

Haben die Geheimdienste – auch jene der USA oder Frankreichs – versagt?

Wir wissen nicht, ob der belgische Nachrichtendienst Warnungen seitens seiner Partnerdienste erhalten hat. In erster Linie tragen aber die Belgier die Verantwortung dafür, was in einem Vorort wie Molenbeek abgeht. Sie müssten die islamistische Szene im Griff haben.

Das haben sie nicht?

Offenbar nicht.

Wie lässt sich diese in den Griff bekommen?

Durch verstärkte Überwachung, einschliesslich Informanten in der Szene, und eine klare Kompetenzverteilung der Sicherheitsbehörden.

Warum schlugen die Terroristen gerade jetzt zu? Als Reaktion auf die Festnahme Abdeslams?

Ich halte die These für plausibel, dass die Anschläge eine Reaktion auf die Verhaftung sind. Allerdings nicht als Rache für die Verhaftung, sondern damit bestehende Anschlagspläne nicht vereitelt werden konnten. Abdeslam hatte Bereitschaft gezeigt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Seine Verbündeten mussten also damit rechnen, dass er auspackt und Anschlagspläne verrät. Sie schlugen vielleicht deshalb so rasch zu, damit sie diese Pläne noch umsetzen konnten. Das ist aber Spekulation.

Warum erfolgte der Anschlag in Brüssel?

Brüssel hat als Hauptstadt der EU einen hohem Symbolwert. Zudem ist in Molenbeek eine grosse islamistische Unterwelt vorhanden.

Und was ist der Zweck?

Es geht wohl darum, Angst und Schrecken zu verbreiten. Möglicherweise wollten die Täter der Welt auch beweisen, dass sie immer noch operationell sind. Das ist übrigens auch das Interesse des Islamischen Staates, der sich ja inzwischen zu diesen Anschlägen bekannt hat. Auch er ist in der Defensive.

Muss Europa mit weiteren Anschlägen rechnen?

Das war garantiert nicht der letzte islamistische Anschlag in Europa. Wir werden auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte hinaus mit islamistischem Terror leben müssen.

Müssen wir uns auch in der Schweiz fürchten?

Die Angst ist eine schlechte Ratgeberin. Wir sind wegen unserer zurückhaltenden Aussenpolitik und Neutralität aber kein erstrangiges Ziel für Dschihadisten. Ein Anschlag wie in Belgien könnte theoretisch aber jederzeit auch bei uns passieren. Deshalb sollten wohl auch wir uns besser wappnen.

Und wie?

Es braucht vermutlich zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen. Das neue Nachrichtendienstgesetz würde wohl helfen, da es dem Nachrichtendienst mehr Kompetenzen in die Hände gibt. Auch könnten die Zugangskontrollen bei kritischer Infrastruktur noch ausgebaut werden. Allerdings sind alle diese Massnahmen immer ein Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit.

Wie lässt sich der Terror-Wahnsinn stoppen?

Wie gesagt, wir werden noch lange mit dieser Bedrohung leben müssen. Wir können den Terror nicht stoppen, aber eindämmen. Dafür wäre unser Sicherheitsdispositiv anzupassen.

Wie kann die Bevölkerung mithelfen?

Indem man wachsam ist und Auffälligkeiten – wenn sich zum Beispiel jemand im öffentlichen Raum auffällig verhält oder wenn man ein auffälliges Objekt entdeckt – den Behörden meldet. Und das lieber einmal zu viel als zu wenig.

Zur Person: Mauro Mantovani (52) ist Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie an der ETH Zürich. Früher arbeitete er unter anderem beim Strategischen Nachrichtendienst.

Die laufenden Entwicklungen sehen Sie im Live-Ticker

Publiziert am 23.03.2016 | Aktualisiert am 08.07.2016
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132 Kommentare
  • rolf  sulzer 23.03.2016
    auf diese Frage gibt es im Moment nur eine Antwort - Grenzkontrollen wie vor 50 Jahren - damit würde man nicht nur den freien Tourismus des Terrorismus hemmen, sondern auch gleichzeitig andere gesuchte dubiose Genossen fischen.
  • Regula  Heinzelmann 23.03.2016
    Eines der wichtigsten Bürgerrechte ist das Recht auf Sicherheit. Das gilt nicht nur für Schweizer, sondern auch für viele Ausländer, die sich friedlich in der Schweiz aufhalten, arbeiten und Steuern zahlen oder als Touristen reisen. Zu einfache Einreisemöglichkeiten werden auch von Verbrechern genützt, das ist doch logisch. In diesem Sinn waren schon die Schengen-Verträge ein Fehler, da müssen wir schleunigst wieder raus. Und auch die Freizügigkeit muss auf den Prüfstand gesetzt werden.
  • Remo  Wyss 23.03.2016
    Terroristen verstehen nur eine Sprache. Dies ist erst der Anfang, der Terrorismus wird noch ganz andere Ausmasse erleben. Stoppen kann man dies nur, indem man der Radikalisierung den Nährboden entzieht. Solange aber auch wir Europäer viel Geld auf Kosten von Armen verdienen, solange haben Radikale auch leichtes Spiel. Multi-Kulti und deren Schattenseiten; Leider wurde der Moment verpasst, wo man noch Grenzen ziehen konnte.
  • Daniel  Kohler aus Wohlen
    23.03.2016
    Nun hat auch Finnland die Grenzen geschlossen, um ein moegliches Ausweichen zu verhindern. Haette man in Bern auch Verstand, wuerde man gar nicht erst warten, bis die Fluechtlinge an der Grenze stehen, sondern jetzt schon klar machen, dass die Ausweichroute dicht ist, bevor der Fleuchtlingsstrom sich ueberhaupt auf dem Balkan in Bewegung setzt, und dies unter den Fluechtlingen ueber Medien und Flugblaetter bekannt machen.Man kann natuerlich auch einfach nichts machen und dann jammern.
    • Ernst  Rietmann aus Weinfelden
      23.03.2016
      Herr Kohler, schon gemerkt, die Täter wohnten schon seit Jahren in Belgien in einem Problemviertel? Was hat das mit Flüchtlingen zu tun? Ähnlich wie in den Banlieus in Frankreich oder mit Problemviertel in anderen Ländern haben und hatten Jugendliche keine Alternative und keine Bildung und radikalisierten sich. Politiker waren und sind im Tiefschlaf, um Lösungen dagegen zu suchen und entzogen sich damit ihrer Verantwortung, arbeiteten lieber für ihre finanzkräftige Lobby.
    • Meyer  Karl 23.03.2016
      @Ernst Rietmann. Der gemeinsame Nenner ist Multikulti, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Und wie lange diese Leute schon hier sind und unter welchem Status sie einreisten, ist piepegal.
  • M.   Hofer aus Spreitenbach
    23.03.2016
    Man kann Terroranschläge stoppen wenn man will !!! Das ging bei der RAF und der Baader-Meinhof Bande auch. Die Politik und die Gerichte sollten die richtigen Werkzeuge anwenden.
    • Marco  Weber 23.03.2016
      Und wie lange dauerte es bis die RAF restlos "gestoppt" werden konnte?
    • Liehard  Hermann 23.03.2016
      Nein, das stimmt so nicht! Die RAF hat über Jahre hinweg, trotz diverser Festnahmen, ihren Terror in Deutschland verbreitet. Aber sagen Sie uns doch mal Ihre Patentlösung, oder noch besser, unseren Politkern und Sicherheitsexperten!