Kiener Nellen, Ex-Präsidentin der Finanzkommission, hat gerechnet «Schweizer hinterziehen 18 Milliarden im Jahr!»

  • Publiziert: 23.59 Uhr, Aktualisiert: 20.08.2012
  • Von Henry Habegger
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«Steuerhinterziehung ist Diebstahl am Volk.» Margret Kiener Nellen

(Keystone)

«Das ist Diebstahl am Volk», sagt Kiener Nellen und verlangt, dass Bern endlich aktiv wird.

Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Italiener. Milliarden, ja Billionen schmuggelten sie an ihrem Fiskus vorbei. Oft mit Hilfe von Schweizer Banken, wie etwa der zunehmend heftige Steuerstreit mit Deutschland zeigt.

Und die Schweizer? «Die Steuerehrlichkeit in der Schweiz ist hoch», dozieren Politiker immer wieder, so 2010 die FDP in ihrer Weissgeld-Strategie.

Stimmt das wirklich?

Nationalrätin Margret Kiener Nellen (SP/BE), bis letztes Jahr Präsidentin der Finanzkommission, kommt zu einem ganz anderen Schluss. «18 Milliarden jährlich werden Bund, Kantonen, Gemeinden sowie allen ehrlichen Steuerpflich­tigen entzogen», rechnet sie vor.

Die Finanzpolitikerin hat die wenigen zu diesem Thema publizierten Studien ausgewertet. In «Tax Evasion in Switzerland» kamen die Wirtschaftsprofessoren Lars P. Feld und Bruno S. Frey 2006 zum Schluss, dass rund 23,5 Prozent der Bruttohaushaltseinkommen dem Fiskus entzogen werden. «Bei einem durchschnittlichen, sehr defensiven Steuersatz von 20 Prozent ergibt das die jähr­liche Summe von 17,96 Milliarden», rechnet Kiener Nellen. Als Grundlage nahm sie die Zahlen zu Haushaltseinkommen des Bundesamts für Statistik fürs Jahr 2009.

Cayman Islands, Bahamas und British Virgin Islands

Und wo verstecken die Schweizer Reichen ihr hinterzogenes Geld? Dort, wo die Ausländer auch. Ein Teil sei in der Schweiz, ist für Kiener Nellen klar. Zudem in Stiftungen in Liechenstein. Und in Steuerparadiesen wie Cayman Islands, Bahamas, British Virgin Islands.

Länder wie Deutschland oder USA wollen ihre geklauten Milliarden jetzt zurück. Und die Schweiz? Bei uns verfügten die Steuerverwaltung des Bundes (ESTV) und die Finanzdirektoren der Kantone nicht einmal über aktuelle Schätzungen, kritisiert Kiener Nellen.

Tatsächlich wird das Thema offiziell praktisch totgeschwiegen. Zum Ausmass des Steuerbschisses durch Schweizer gebe es keine Zahlen, wiegelte etwa der mittlerweile geschasste ESTV-Chef Urs ­Ursprung (SVP) Politikerfragen in Parlamentskommissionen jeweils schroff ab. 2010 räumte der Bundesrat auf Anfrage von Kiener Nellen ein, dass sich laut internationalen Umfragen «die Steuermoral in der Schweiz zwischen 1988 und 1996 deutlich verschlechtert» habe. Mangels neuen Umfragen lasse sich nicht sagen, ob sich dieser Trend weiter fortgesetzt habe, stellte die Regierung fest.

Das Thema war damit für den Bundesrat offenbar erledigt. Wohl auch, weil reiche Steuerhinterzieher zur eigenen Wählerbasis gehören.

Das war auch der Grund, warum sich Staaten wie Deutschland oder Italien lange um ihre Steuermilliarden in der Schweiz foutierten. Bis den Ländern das Geld ausging.

So weit soll es in der Schweiz nicht kommen. Kiener Nellen verlangt von Bundesrat und Steuerverwaltung ein Massnahmenpaket zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung. «Im Interesse aller steuerehrlichen Personen und Firmen ist dieses Anliegen zentral, denn: Steuerhinterziehung ist Diebstahl am Volk!»

Beliebteste Kommentare

  • Peter  Sidler , Hochdorf
    Tja, da müsste die liebe Frau Kiener Nellen aber auch rechnen, wieviele Einnahmen und Zuschüsse wir aufgrund unseres liberalen Steuersystems haben.. ich bin mir sicher, da schaut ein Überschuss heraus.
  • Frank  Wyss , Uster
    Falls der Bericht nur halbwegs der Warheit entspricht, hat Frau Schlumpf extrem schlecht verhandelt. Im Gegenzug hätten die Gegenparteien genau dasselbe bauen müssen.

Alle Kommentare (49)

  • alois  Leimgruber , Villmergen
    Wenn ich sehe wie unsere Regierung die Steuergelder verschwendet,verstehe ich das gewisse Leute es am Fiskus vorbei schmuggeln !
  • Markus  Engeler
    Der einzige Diebstahl am Volk wird vom Staat selbst ausgeführt. Durch überhöhte Steuern und Abgaben ohne Gegenleistung.
  • Obiwan  Duglobi , Kreuzlingen
    Wird das Bankgeheimnis nach aussen aufgehoben, muss es auch nach innen so sein. Die kleinen Leute schauen sonst in die Tüte. Das ist eine Milchbüechlirechnung und keine Wissenschaft.

    Die 18 Mia. würden faktisch von oben nach unten "umverteilt"; primär Angestellte in tieferen Einkommensschichten und des Mittelstandes würden davon profitieren. Wer deswegen die Schweiz verlassen will, der soll bitteschön gehen.

    Grüsse, ein ehemaliger Bänkler im Direktionsrang.
    • anton  lienhard
      Ganz kurz zwei Punkte: 1. Es gibt keinen ehemaligen Bankdirektor mit dem Namen Obiwan Duglobi, was bedeutet, dass Sie lügen. 2. Falls tatsächlich 18 Mia. Franken hinterzogen würden, was ich nicht glaube, gehen mit Sicherheit die Steuerfüsse nicht entsprechend herunter, sondern die Politiker und Behörden geben diese allfällige Mehreinnahmen einfach noch zusätzlich aus. Daher stimmt auch Ihre Aussage nicht, dass die tieferen Einkommensschichten bei mehr Steuerehrlichkeit profitieren würden.
      • 20.08.2012
      • als Kommentar auf Obiwan  Duglobi , Kreuzlingen
      • 107
      • 35
  • Frank  Bussmann , Solothurn , via Facebook
    Margret Kiener Nellen muss eine Fachfrau erster Güte sein, sonst googeln sie doch mal, wie viele Hochschulabschlüsse plus Anwaltspatent diese Frau ihr eigen nennen darf. Chapeau! Und selbstverständlich hat sie völlig Recht. Nur zweifle ich daran, dass man die "Steuern-Optimierung" J von Superreichen jemals wird unterbinden können. Ich fürchte, die spielen in einer ganz anderen Liga als ich und die meisten von uns. Wir sollten jedoch auch nicht alle Reichen in einen Topf werfen. Viele zahlen nämlich - zumal in absoluten Zahlen - enorme Summen an Steuern. So ist bekannt, dass gerade die Bundessteuern zu einem Gutteil von den Reichen und Superreichen beglichen werden. Die Progression hier ist nämlich "brutal", was ja auch absolut richtig ist. Ähnliches gilt für die AHV [d.h., freilich zahlen die steinreichen Witwen keine AHV mehr ein J...].
  • Jonas  Bähler , Gümligen
    Traue keiner Zahl, die von links-grün kommt.
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