FDP-Caroni will Anzeigetafel aufmotzen Politiker sollen endlich wissen, worüber sie abstimmen

Es ist ein offenes Geheimnis: Viele Nationalräte haben oftmals keine Ahnung, welches Geschäft in ihrem Saal gerade behandelt wird. FDP-Nationalrat Andrea Caroni will das ändern – mit Hilfe der Anzeigetafel.

  • Publiziert: 01.10.2012
  • Von Christof Vuille
play Auf dieser Anzeigetafel soll das aktuell debattierte Thema eingeblendet werden. (juniorparl.ch)

«Abstimmen!» wird während den Sessionen täglich durch die Wandelhalle geschrien. Nationalräte lassen dann alles stehen und liegen und laufen ohne Rücksicht auf Verluste zurück in den Ratssaal, um noch rechtzeitig abstimmen zu können. Nur: Stimmen sie richtig?

Es komme immer wieder vor, dass man als Ratsmitglied die laufende Debatte nicht hautnah mitverfolgen könne, sagt FDP-Nationalrat Andrea Caroni. So stehen etwa Gespräche in der Wandelhalle mit Lobbyisten, Politikern anderer Parteien oder Journalisten auf der Tagesordnung.

Verfälschte Abstimmungsresultate?

Werde man dann zur Abstimmung in den Saal zurückbeordert, falle die Orientierung schwer, man müsse sich auf Angaben der Kollegen verlassen. Das führe mitunter zu verfälschten Abstimmungsresultaten im Nationalrat, glaubt der Appenzell-Ausserrhoder Caroni. So geschehen etwa bei einer Kampfjet-Abstimmung vor einem Jahr, wie der SonntagsBlick publik machte.

Deshalb will er die beiden grossen Bildschirme im Nationalratssaal nutzen, um besser über die Vorgänge im Saal informiert zu sein.

Diese werden heute praktisch nur für die Abstimmungen benutzt. Mit roten, grünen und weissen Punkten wird angezeigt, wer wie gestimmt hat.

Harvard-Absolvent Caroni schlägt der Verwaltungsdelegation nun in einem Blick.ch exklusiv vorliegenden Brief vor, den Titel und die Nummer des aktuellen Ratsgeschäfts dauerhaft auf den grossen Anzeigetafeln einzublenden.

«Wie beim Tennis»

Das wäre wohl ohne grossen Aufwand möglich, da die Daten «ohnehin vorhanden» seien, etwa für das Web-TV.

Der Tennis-Fan zieht einen Sportvergleich heran: «Wenn ich den Fernseher anmache und ein Tennismatch läuft, weiss ich sofort, in welchem Satz sich das Match befindet, und ob gerade ein Breakball ansteht. Würde das Resultat nicht eingeblendet und somit der Kontext fehlen, wäre es langweilig.»

Insbesondere den Zuschauern auf der Tribüne, oftmals Schulklassen, ergehe es so, wenn sie nicht wissen, über was gesprochen wird.

Hat sein Anliegen in der Verwaltungsdelegation eine Chance? Das sechsköpfige Gremium besteht aus den beiden Ratspräsidenten und deren Vize.

Walter fürchtet zu bequeme Parlamentarier

Präsidiert wird sie von Nationalratspräsident Hansjörg Walter. Allzu euphorisch gibt sich dieser nicht. «Wir haben Herrn Caronis Idee zur Kenntnis genommen und werden sie prüfen.»

Würde den Nationalräten mit Hilfe der Technik noch mehr Arbeit abgenommen, könnte dies zu mehr Bequemlichkeit führen, fürchtet der höchste Schweizer.

Tatsächlich scheint es sich bei der Frage um einen Generationenkonflikt zu handeln. Während jüngere Nationalräte für technische Neuerungen offen sind, möchten viele altgediente Räte nichts ändern.

Beliebteste Kommentare

  • Klaus  Utzinger , Bad Zurzach
    Dieser Beitrag zeigt es wieder einmal hautnah, was in Bern so alles abläuft. Dass sich unsere und vom Volk gewählten Vertreter sich nicht immer um das Ratsgeschehen bemühen, sondern sich lieber in den Wandelhallen von den Lobbyisten "einwickeln" lassen.
  • Elsbeth  Schmid
    Viele Nationalräte sind nicht einmal das Sitzungsgeld WERT. Walter Schmid

Alle Kommentare (24)

  • Heidi  Engel , Sumiswald , via Facebook
    Ja das ist doch schon lange so, anstatt zuhören was der andere davor sagt, wird in einer Zeitung geblättert, oder im Internet gesurft, oder mit dem Händy Telefoniert, oder sonst mit dem anderen nebendran Geschwätzt!!
    habe das alles schon Beobachtet im Fernsehen
    Und wenns dann ums Abstimmen geht, wird einfach die Hand hochgehalten, ohne zu wissen um was es geht!!
    Hauptsache der grosse Lohn kommt ende Monat!!
    • 02.10.2012
    • 14
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  • Fritz  Meier
    Im Nationalrat modern elektronisch wissen sie nicht, worüber abgestimmt wird und im Ständerat Steinzeit mit Hand aufheben haben sie Mühe die Stimmen richtig zu zählen. Aber beide Räte erheben Anspruch, dass sie vom Volk ernst genommen werden.
    • 01.10.2012
    • 31
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  • Daniel  Lehmann
    Die Abstimmungsergebnisse zu den einzelnen Kommentaren sind wirklich eindeutig! Ob das die Politiker interessiert?
    • 01.10.2012
    • 33
    • 1
  • Steve  Furger , Bern
    Tja, die vom Volk gewählten Vertreter bekommen sozusagen eine Entschädigung für Reisespesen vom Bund, damit sie in Bern mit Lobbysten im Bundeshaus über Privatgeschäfte diskutieren können. Vorwand Ratssitzung, damit sie noch das Sitzunggeld erhalten - Unglaublich !
    • 01.10.2012
    • 67
    • 1
  • Edith  Zellweger
    Dies behaupte ich ja schon lange, wenn man bedenkt, was für Nationalräte in Bern Einsitz haben!

    Die Wirtschaftsbosse sagen den Franktionen Höhere-Lohnempfänger was zu welchem Thema abzustimmen sei und die Fraktionen befehlen den Hampelmänner/Frauen Nationalräte auf welchen Knopf sie bei welcher Abstimmung zu drücken haben - rot oder grün!

    Nationalräte, Ständeräte, Regierungsräte, Kantonsräte und Gemeinderäte dürften gar keine Verwaltungsratsmandate annehmen dürfen, ansonsten sind sie alle käuflich und erpressbar und vertreten somit nur die Interessen der Lobbyisten und nicht die Anliegen des Volkes! Ist doch logisch. Geld stinkt nicht!
    • 01.10.2012
    • 57
    • 4
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