Organspende-Werbung mit Sexszenen sorgt für rote Köpfe Hauptsache, man redet darüber!

Die Zahl der Organspenden ging in der Schweiz 2016 um mehr als 20 Prozent zurück. Die Abnahme gegenüber dem Vorjahr konnte auch der Spot des Bundesamts für Gesundheit nicht verhindern.

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Jetzt wächst der Unmut: 6,5 Millionen Franken hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für eine vierjährige Kampagne ausgegeben, welche die Bereitschaft zur Organspende ankurbeln soll – und Swisstransplant ist als Fachexperte involviert.

Doch die Situation ist dramatisch: «Die Zahl der Organspenden ist 2016 massiv eingebrochen», sagte Franz Immer, Chef von Swisstransplant, gestern zu BLICK. 143 Spenden gab es im Rekordjahr 2015 – 2016 waren es über 20 Prozent weniger.

Vor allem ein TV-Spot des BAG gibt zu reden. Darin geht es heiss zur Sache. Im Büro, auf einem Pult, gehen eine Vorgesetzte und ihr Angestellter zur Sache. Mitten im Sexspiel bittet er um eine Lohnerhöhung. Die Botschaft soll sein: Es gibt nie einen falschen Moment, um über Wichtiges zu reden.

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Diese Szene sorgt für rote Köpfe: Der Organspende-Spot des Bundesamts für Gesundheit. Screenshot

 

BLICK weiss: Auch in den Gremien, die den Spot in Auftrag gaben, kam es zu Diskussionen um den aufwendig produzierten Spot. Die Frage war, ob man mit Provokation dem Thema Organspende gerecht werden kann.

Hermann Strittmatter, selbst Werbeprofi und Gründer der Werbeagentur GGK Zürich, ärgert sich über den Film: «Das ist eine dem berechtigten Anliegen unwürdige Entlehnung aus der Pornografie.» Auch sonst kann er dem Film nicht viel Gutes abgewinnen: «Ich finde diese heftige Provokation ziemlich grenzwertig, da hätte es sicher kreativere Möglichkeiten gegeben.»

Auch aus Kreisen von Organempfängern gibt es Widerstand: «Ich sehe die Logik des TV-Spots nicht. Was hat ein sexueller Akt mit Organspende zu tun?», sagt ein Betroffener zu BLICK. «Da wird der vielleicht schwierigste Entscheid im Leben, die Organe eines Angehörigen freizugeben, mit Vergnügen gleichgesetzt.» 

«Sex sells war nicht unsere Motivation»

Susanne Nyfeler, Gesamtprojektleiterin des Aktionsplans «Mehr Organe für Transplantationen», in dessen Rahmen die Kampagne lanciert wurde, rechtfertigt sich: «Sex sells war nicht unsere Motivation.» Alle Szenen stünden symbolisch für schwierige Situationen, in denen Menschen allen Mut zusammennehmen müssen, um ein heikles Thema auf den Tisch zu bringen. «Im Übrigen haben verschiedene Gremien den Spot für gut befunden.»

Wichtig ist, dass man darüber redet

Stefan Büsser, selber an Cystischer Fibrose erkrankt und somit wahrscheinlich früher oder später auf eine Spenderlunge angewiesen, sieht es locker: «Ob der Spot nun gut oder schlecht ist, ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass das Thema endlich in die Medien und von da in die Köpfe kommt.»

Doch nur darüber reden reicht einigen Politikern nicht mehr. So bringt der Neuenburger Regierungsrat Laurent Favre erneut die Widerspruchslösung ins Spiel – die automatische Zustimmung, wenn man nicht explizit dagegen ist. Vor zwei Jahren wurde der von ihm als damaliger Nationalrat lancierte parlamentarische Vorstoss abgelehnt. «Ich bleibe der festen Überzeugung, dass die Widerspruchslösung, moderat, wie ich sie vorgeschlagen habe, viel bessere Ergebnisse gebracht hätte», sagt Favre. Er gibt aber zu bedenken, dass der Aktionsplan noch mehr Zeit brauche, um Wirkung zu zeigen.

BLICK-Umfragen bei Politikern zeigen: Es gibt immer noch grosse Differenzen zum Thema. Die generelle Widerspruchslösung, wie sie etwa Frankreich kennt, wurde mehrfach abgelehnt. 

Statt die Widerspruchslösung gabs den Aktionsplan

Doch die sinkenden Organspende-Zahlen machen deutlich: Die Regelung, wie sie Frankreich kennt, ist noch nicht vom Tisch. So sagt die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim: «Aus Sicht jener, die auf ein Organ warten, wäre eine Widerspruchslösung unbestritten das Beste.» Allerdings glaube sie nicht, dass mit diesem Instrument die Akzeptanz der Organspende bei noch skeptisch eingestellten Menschen gefördert würde.

«Es warten viele Leute auf ein Organ, und das ist kein angenehmes Warten»

Der Zuger CVP-Nationalrat und Parteipräsident Gerhard Pfister will keine Gesetzesänderung: «In unserer Gesellschaft soll das der persönliche Entscheid der Menschen bleiben.»

Ähnlich sieht es FDP-Nationalrat Ignazio Cassis: «Die Antwort liegt nicht in einem ideologischen Streit um Zustimmungs- oder Widerspruchslösung.» Vielmehr müsse man die Menschen sensibilisieren und ausserdem für «gut ausgebildetes Fachpersonal sorgen, das Organtransplantationen koordinieren und Verwandte richtig betreuen kann». So wie das in Spanien mustergültig gemacht werde. Und was zur weltweit höchsten Spenderquote geführt habe.

Genau das enthält auch der Aktionsplan «Mehr Organe für Transplantationen». Neben der Kampagne sieht dieser nämlich unter anderem ein Teilprojekt für die entsprechende Ausbildung der Fachkräfte in Spitälern vor. Diese sollen lernen, wie man mit Angehörigen von verstorbenen potenziellen Spendern umgeht. Und das ist laut BAG-Spezialistin Nyfeler wichtig, denn: «Die alleinige Einführung der Widerspruchslösung hätte ohne die Massnahmen des Aktionsplans wohl auch nicht gegriffen.»

Der Modellwechsel alleine nütze nichts, es brauche dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen, damit mehr Organe gespendet werden können. «Sehen wir 2018, dass wir die Ziele nicht erreicht haben, müssen wir diskutieren, ob wirklich alle Massnahmen ergriffen wurden.» Allenfalls müsse man dann die Einführung der Widerspruchslösung nochmals diskutieren. «Es warten viele Leute auf ein Organ, und das ist kein angenehmes Warten. Dessen sind wir uns bewusst.»

Publiziert am 10.01.2017 | Aktualisiert am 11.01.2017

Organspende in der Schweiz

Aktuell warten in der Schweiz 1496 Menschen auf ein neues Organ. Obwohl 2015 mit 550 Spenden als erfolgreichstes Jahr seit Erfassung gilt, sinkt die Bereitschaft. Noch immer sterben mindestens zwei Menschen pro Woche, die auf der Warteliste stehen. Speziell für junge Patienten ist es schwierig, Organe zu finden.

Auch deshalb ist bei Kindern die Zusammenarbeit mit dem Ausland notwendig. Mithilfe der Kooperation sterben statt 75 mittlerweile nur noch 20 Prozent der Kinder, die dringend auf Organe angewiesen wären. Spendenausweise zum Download: www.swisstransplant.org

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6 Kommentare
  • Jérome  Beauverd aus Zürich
    11.01.2017
    Was berechtigt denn genau Herr H. Strittmatter so eine Kampagne auszulösen? Mind. den Eindruck entsteht aus dem Artikel...
    Lassen wir doch den BAG und Swisstransplant den Aktionplan zu Ende umsetzen und die verschiedene Massnahmen auf dem Publikum unvoreingenommen auf das Publikum wirken.
    Spendenausweise zum Download: www.swisstransplant.org
  • Mac  Weber 11.01.2017
    Wieso muss heute je länger je mehr alles provokativ sein?
    Diese Rammelszene schiesst völlig am Ziel vorbei und hat absolut keine Beziehung zu Organspenden. Selbst mit grösster Fantasie nicht! Das hat auch nichts mit Prüderei zu tun. Es wiederspiegelt höchstens das provocative Auftreten eines Teils unserer Gesellschaft sowie deren Verrohung!
  • Peter  Jodel 10.01.2017
    Eigentlich ich froh über diese Kampagne. Sie zeigt zum einen, dass die Forderer nicht im geringsten verstanden haben, dass eine Freigabe der Organentnahme ein grosser persönlicher Schritt ist. Aus den Stellungsnahmen der meisten Befürworter geht diese mangelnde Sensibilität klar hervor.
    Zum anderen bekomme ich immer mehr den Eindruck, dass die ganze Angelegenheit ein schmutziges Geschäft ist. Für die Transplantationslobby gibt es offenbar keine Grenzen, um auf Teufelkommraus Organe zu kriegen.
    • Jérome  Beauverd aus Zürich
      11.01.2017
      @Peter Jodel, wünsche Ihnen vom Herzen dass niemals einer ihren Angehörigen auf eine Organtransplantation angewiesen wird...
      Vom Lobby und "Geschäft" zu reden ist blanker Hohn für die Kranken und die Familien der wegen mangelden Organe gestorbene Leute.
      Einfach beschämend!
  • Werner  Jöri aus Wilen
    10.01.2017
    Mit Verlaub, NR u. Präsident Pfister, es geht doch nicht darum, dass dieser Entscheid persönlicher Natur dem Betroffenen vorenthalten wird. Er soll frei entscheiden können, ob es nach seinem Ableben Sinn macht, den Weg der Organentnahme zu wählen. Es ist zu hoffen, dass immer mehr Menschen, wohl überlegt, in Abwägung aller Punkte eines Pro und Contra, sich zur Organentnahme nach ihrem Ableben entscheiden.
    W. Jöri, alt NR, 6062 Wilen
  • Felix  Kübler aus Schlieren
    10.01.2017
    Ein komischer Mensch, diese Frau Nyfeler - wenn Sex eine schwierige Situation ist um miteinander zu reden.
    Im Übrigen haben verschiedene Gremien den Spot für gut befunden» - Verantwortung übernehmen ist offensichtlich ebenso wenig eine Stärke von Ihr... es ist traurig mitansehen zu müssen wenn ein zuständiges Amt nicht einmal halbwegs fähige Menschen für solch einen Job findet.