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Viele Verlage haben in den letzten Monaten Personal abgebaut. Nur eine Medienanstalt spürte bislang wenig von der Krise: die SRG. Dort stieg die Mitarbeiterzahl in vier Jahren um 180 Personen auf 4492. Die Personalkosten nahmen um 66 Millionen zu und liegen nun bei satten 694 Millionen Franken.
Diese Woche gab der Staatssender den Abbau von 100 Stellen bekannt. Spareffekt für 2011: 17 Millionen. Gleichzeitig sucht der mit 1,1 Milliarden Franken Jahresgebühren finanzierte Mediengigant nach neuen Einnahmequellen.
Bevor weitere Entlassungen die Stimmung hinter Kameras und Mikrofonen trüben, kommt Hilfe aus dem Departement von Moritz Leuenberger (63): Ab 1. April will er der SRG den Verkauf zusätzlicher Werbeblöcke gestatten.
Wie aus dem Umfeld des SP-Bundesrats zu erfahren ist, tendiert er zur folgenden Variante: Vor 18 Uhr und nach 23 Uhr wäre es möglich, auch kurze Sendungen von 30 Minuten durch Spots zu unterbrechen – faktisch eine Werbepause alle
15 Minuten. In der sogenannten Primetime bleibt alles beim Alten: Werbung zwischen den Sendungen ist möglich; Werbeunterbrüche sind nur bei Sendungen erlaubt, die länger als 90 Minuten sind.
«Wir gehen davon aus, dass das Geschäft bis Mitte März in den Bundesrat kommt», bestätigt Matthias Ramsauer (47), Chef Abteilung Radio und Fernsehen beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom).
Experten schätzen, dass dies der SRG-Vermarkterin Publisuisse so ein Potenzial von fünf Millionen Franken eröffnet. «Jede Liberalisierung ist begrüssenswert. Diese Mini-Öffnung ausserhalb der Primetime bringt uns nicht viel, die ausländischen Werbefenster werden nochmals profitieren», sagt Publisuisse-Chef Martin Schneider (43).
Tatsächlich hätte sich die SRG mehr Werbeblöcke gewünscht. Sie wollte den ganzen Abend Sendungen unterbrechen dürfen, die länger als 45 Minuten dauern. Zudem sollte das Werbeverbot auf den Online-Portalen der SRG fallen. Hier ist der Widerstand aber gross. Ramsauer: «Diese Bestimmung wurde in der Anhörung stark kritisiert und könnte noch Änderungen erfahren.»
Der Schritt von Leuenberger hat System. Seit 1995 im Amt, hat er die Werbemöglichkeiten für den Staatssender Schritt für Schritt verbessert. Seit Anfang Februar dürfen SRG-Sender für leichte Alkoholika werben. Am 1. Januar 2008 erlaubte er Werbung auf SF Info, ein Jahr zuvor zusätzliche Werbung in Sportsendungen. Bereits 1998 hatte der Medienminister das lange Zeit sakrosankte Werbeverbot an Feiertagen aufgehoben.
Der Sender, der hinter Dänemark die zweithöchsten Rundfunk-Gebühren auf dem Kontinent kassiert, nähert sich damit immer weiter den Privatsendern an. Moritz Leuenberger macht die SRG damit zu einem medienpolitischen Sonderfall in Europa.
Dabei geht der Trend in der EU in die umgekehrte Richtung. Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender, Werbung für die Privaten: Das ist die Devise in den meisten anderen Ländern. In Deutschland herrscht für ARD und ZDF ab 20 Uhr und an Sonntagen ein striktes Werbeverbot. In Österreich darf der ORF Filme, Serien und Unterhaltungssendungen nicht mit Werbespots unterbrechen. Noch weiter geht es in Frankreich. Dort darf der Staatssender künftig gar keine Werbung mehr ausstrahlen.
In der Schweiz passiert dagegen das Gegenteil: Die Politik unterstützt die übermächtige SRG fast schon nach Belieben. Anfang dieser Woche entschied die nationalrätliche Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF), dass in Zukunft alle Haushaltungen und Gewerbebetriebe Empfangsgebühren bezahlen müssen.
Auch bei der jüngsten Liberalisierungsrunde für den Staatssender kann Leuenberger mit einer breiten Unterstützung im Parlament rechnen. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr (46, ZH): «Die SRG braucht genügend Mittel, um ihren Auftrag wahrzunehmen. Wenn mit zusätzlichen Werbeunterbrechungen Gebührenerhöhungen zu vermeiden sind, sind sie hinzunehmen.» Unterstützung bekommen Leuenberger und die SRG auch von CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener (63, BE): «Etwas mehr Werbung ist mir lieber als eine Gebührenerhöhung.»
Kritik kommt im Moment einzig von der Volkspartei. «Werbung sollten nur die privaten Sender ausstrahlen dürfen. Und die SRG muss sich endlich auf den Service public konzentrieren, dann müssten wir auch weniger Gebühren zahlen», sagt SVP-Nationalrätin Natalie Rickli (33, ZH).
<b>Im Clinch</b> Hilft der SRG, aber die ist immer noch nicht zufrieden: Medienminister Moritz Leuenberger.