Neuer Verdacht im Insieme-Skandal Es geht um schicke Boote und leichte Mädchen

In der von der Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf angeordneten Administrativuntersuchung zu Insieme kam ein brisantes Schreiben zum Vorschein.

Liess laut Administrativuntersuchung «korruptionsanfälliges Klima» zu: Urs Ursprung. play

Liess laut Administrativuntersuchung «korruptionsanfälliges Klima» zu: Urs Ursprung.

Peter Mosimann/EQ Images

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Frauke Petry, Marine Le Pen und dazwischen Ignaz Bearth Deutsche...
2 Sommaruga zu Homo-Ehe und Gleichstellung «Sexismus ist mehr als ein...
3 Bundesrat passt Liste für Unesco-Liste an Werden das die neuen...

Politik

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

Im Jahr 2006 ging bei Urs Ursprung, Direktor der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV), ein anonymes Schreiben ein. Inhalt: Die Informatikfirma Unisys habe J-P. L.*, dem Informatikchef der ESTV, ein schickes Motorboot auf dem Bielersee spendiert. Das Schreiben war auf Papier der Steuerverwaltung abgefasst, kam also von intern. Das bestätigen mehrere Quellen gegenüber BLICK. 

Das brisante Schreiben ging im Umfeld der damals laufenden Ausschreibung für das Informatikprojekt Insieme der ESTV ein. Insieme soll die alten IT-Systeme der zwei wichtigsten ESTV-Abteilungen durch ein neues Gesamtsystem ersetzen.

Im März 2006 erhielt Unisys den Insieme-Zuschlag. Für rund 50 Millionen. Der Zuschlag wurde anderthalb Jahre später widerrufen, weil sich die Parteien nicht über den Vertrag einigen konnten.

Ursprung habe das brisante Schreiben 2006 ignoriert, sagen Insider. Im gleichen Stil, wie er schon 2001 einen ersten Korruptionsverdacht gegen L. ignoriert haben soll.

In der ESTV wird Korruption gefördert

Jetzt, im Juni 2012, kam in der von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf angeordneten Adminis­trativuntersuchung zu Insieme offenbar auch die Sache mit dem Boot zum Vorschein. So oder so kam die Untersuchung zum Schluss: Ursprung habe zugelassen, dass in der ESTV «ein korruptionsanfälliges Klima» gefördert wurde. L. soll nach dem Neustart von Insieme 2008 nahestehenden Firmen Aufträge zugehalten haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen L. sowie gegen unbekannte Täterschaft wegen Verdachts auf ungetreue Amtsführung.

Zur Sache mit dem Boot sagt Beat Furrer, Informationschef der ESTV: «Die Klärung derartiger Fragen gehört zur Strafuntersuchung, die von der Bundesanwaltschaft geführt wird. Zu diesem Verfahren können wir keine Stellung nehmen.»

Die Boot-Story hat sich in der Bundesverwaltung mittlerweile herumgesprochen. Der inzwischen freigestellte ESTV-Informatikchef, der in Biel wohnt, gilt bei Insidern als Motorbootnarr. Derzeit hat er laut BLICK-Recherchen an einem Bielersee-Hafen eine gut 20-jährige Sea Ray 230CC liegen: sieben Meter lang, mit Platz für neun Personen. Das angeblich geschenkte Boot aber soll der Mann mangels Liegeplatz am See zunächst in einem Trockendock zwischengelagert und dann weitergereicht haben, so heisst es in der Bundesverwaltung.

Unisys gilt als spendabel

Unisys, ein weltweit tätiger US-Informatikkonzern, gilt in der Branche als spendabel, wenn es um Kundenbindung geht. ­Berühmt ist etwa die alljährliche Grillparty im Sommer bei ­einer Waldhütte nahe Bern. Rund 300 Personen sind jeweils geladen. Kunden, gerade aus der Bundesverwaltung. «Krethi und Plethi ist geladen, da wird gewaltig aufgetischt», sagt einer, der da war. Hartnäckig hält sich das ­Gerücht, dass sich an einem der rauschenden Feste leichte Mädchen unter die Menge mischten. Getarnt angeblich als Unisys-Mitarbeiterinnen. Die Bundesanwaltschaft wird sich auch dafür interessieren, ob – und wenn ja, wie – hier Abhängigkeiten entstanden sein könnten. Informell bestreiten Unisys-Verantwortliche die Vorwürfe vehement. Eine bereits am Mittwoch eingereichte offizielle BLICK-­Anfrage bei Unisys blieb aber bis gestern Abend unbeantwortet.

Insieme läuft noch heute nicht, kostet aber schon 150 Millionen Franken. Insider sehen eine Bieler Connection am Werk. Der Chef der Berner Unisys-Geschäftsstelle stammt wie L. aus Biel. Sicher ist auch, dass Peter W.*, der einst wie L. bei der ESTV arbeitete, ebenfalls Schiffsnarr ist und mit dem ei­genen Boot gerne von Biel aus in See stach. L. soll Firmen, an denen W. beteiligt war, Aufträge zugehalten haben.

Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 05.07.2012 | Aktualisiert am 06.07.2012
teilen
teilen
0 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

29 Kommentare
  • Franz  Meier aus Luzern
    06.07.2012
    Wie hätten Blocher und die Weltwoche randaliert, wenn solche Verhältnisse bei der Nationalbank geherrscht hätten! Nun ist aber Herr Ursprung SVP-Mitglied.
  • Manfred  Wild 06.07.2012
    Kriege ich jetzt eine Steuergutschrift auf meiner nächsten Abrechnung? Schliesslich wurden hier Steuern veruntreut.
  • Rudolph  Stucki aus Hudson
    06.07.2012
    lustig wie der Ursprung auf jedem Bild von "oben herab" laechelt als wollte er sagen "Euch hab ich ja schoen verarscht, und jetzt zieh ich mich zurueck und freue mich an meiner fetten Rente...." EWS hat ihn zwar entlassen aber er darf noch bis ende Monat bleiben.... damit noch etwelche Spuhren verwischt werden koennen Heil dir Helvetia, hast noch der Soehne JAA "
  • John  Zysset aus Binningen
    , via Facebook
    06.07.2012
    Ausmisten kann man in Bern nicht ,Gauner wird es immer auch in der Regierung haben ,die einen lassen sich erwischen und die anderen sind Clever genug sich nicht erwischen zu lassen ! Wo es viel Geld hat ,und das hat es in der Regierung mehr als genug ,wird es auch immer Gauner geben die davon provitieren !!
  • S.  Wander 06.07.2012
    Bei Krisenbanken redet man jetzt von "the Bank inside the Bank". Das gibts es bei den Beamten alles auch. jeder ist sich selbst am nahesten und schaut für seinen eigenen Vorteil. Die Linken unterstützen das, weil die meisten Beamten vermutlich Linke sind. Was sollen sie tun, wenn sie nicht einen easy Beamtenjob haben....Stempeln oder könnte man sie in der Privatwirtschaft wirklich brauchen? Nur die höchsten Beamten, denn die schaffen wiederum Beziehungen für die Unternehmen zu ihren früheren Untergebenen. Filz pur.