Neuer Beschaffungsflop im VBS? Armee will «Papier»-Raketen kaufen

Die Armee hat sich für zwei Flugabwehr-Raketensysteme entschieden, obwohl die Verantwortlichen wussten, dass die Waffen bei der internen Evaluation durchgefallen. Das zeigen vertrauliche Protokolle, die der «Rundschau» von SRF vorliegen.

Iris-T_SL.jpg play

Diehl

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Nationalrat Addor fordert: «Schweizer, bewaffnet euch» Dieser SVPler hat...
2 Burkhalter reagiert endlich auf Türkei-Chaos «Todesstrafe wäre rote Linie»
3 Amok- und Terror-Angst - die grosse Promi-Umfrage Kaufen Sie sich...

Politik

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
7 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

Gestern hat VBS-Chef Guy Parmelin die Reissleine bei der Beschaffung neuer Flugabwehr-Systeme gezogen. Top-Kader der Armee und der Armasuisse hatten sich für zwei Lenkwaffen entschieden, die gemäss interner Evaluation zwingende Kriterien wie Reichweite und Allwettertauglichkeit nicht erfüllen. Das berichtet die Sendung «Rundschau» heute Abend. Laut Evaluation drängte sich die Verschiebung des Milliardenprojekts auf. Offenbar wurden der politischen Führung des VBS dabei wichtige Informationen vorenthalten, wie die «Rundschau» gestern berichtete.

Verantwortlich für das Projekt ist Luftwaffen-Chef Aldo Schellenberg als Vorsitzender der Projektaufsicht. Er rapportiert direkt an Armeechef André Blattmann. Der Armeechef war über den alarmierenden Stand des Projekts im Bild, informierte Verteidigungsminister Guy Parmelin aber offenbar nicht entsprechend. Am Montag konfrontierte die Rundschau das VBS mit den Recherchen und Hinweisen zu den belastenden Dokumenten. Daraufhin mussten laut Voranmeldung gestern Rüstungschef Martin Sonderegger, Armeechef André Blattmann und Luftwaffenchef Aldo Schellenberg bei Bundesrat Parmelin antraben. Am Nachmittag folgte dann die Medienmitteilung, dass das Projekt sistiert werde. 

Der umstrittene Entscheid der Projektaufsicht für die neuen Lenkwaffen fiel im Januar. Die vertraulichen Sitzungsprotokolle zeigen: die Projektaufsicht wählte die beiden Waffen, obwohl Armeeprüfer vor dem Entscheid klar festhielten, dass beide Systeme «einsatzrelevante Leistungseinschränkungen» aufweisen, sogenannte «NO-GO». Das heisst, dass beide Waffen zwingende Kriterien nicht erfüllen.

Die Beschaffungsexperten des Bundes machen in ihrer Präsentation klar, dass es nicht um kleine Unzulänglichkeiten geht und schreiben von «gravierenden Einschränkungen» bei beiden Waffen. Wie die Rundschau weiter berichtete, kommen die Spezialisten gar zum Schluss: «Entlang einer konsequenten Umsetzung des Evaluationsresultates dürfte kein System gewählt werden.»

Waffen noch gar nicht im Einsatz– Kosten explodieren

Die Schweizer Armee will zwei Waffen beschaffen, die noch gar nicht im Einsatz sind: Die deutsche IRIS-T SL in der Testphase und die britische CAMM-ER, noch in der Entwicklung.

Luftwaffenvertreter warnten gemäss Sitzungsprotokoll die Projektaufsicht vor Risiken. Ein Offizier erinnerte das hochkarätige Gremium an das letzte Rüstungsgeschäft, das in einem Debakel endete, der Beschaffung des Kampfflugzeuges Gripen. Auch dieser war noch nicht erprobt – intern sprach man von einem «Papier-Flieger» und erfüllte Anforderungen nicht. Doch die Aufsicht unter der Führung von Korpskommandant Aldo Schellenberg ignorierte die Warnungen, entschied sich gegen eine Verschiebung – und für die zwei ungenügenden Systeme.

Durch die Beschaffung der zwei Waffen entstehen gemäss interner Einschätzung «Mehrkosten». Die Projektleitergruppe bezeichnet die Finanzierbarkeit als «fraglich». Damit ist schon heute absehbar, dass das Projekt finanziell aus dem Ruder läuft. Ursprünglich mit 750 Millionen Franken budgetiert, relativierte Rüstungschef Martin Sonderegger, der ebenfalls im Bild war über den Projektstand, die Kosten gegenüber der Presse bereits auf etwa eine Milliarde. Ein Offizier warnte intern an der entscheidenden Sitzung vor doppelt so hohen Kosten.

BLICK hatte im letzten Juli, dass die Evaluation des Projektes aufgrund von Kapazitätsengpässen von der Armasuisse an externe Experten ausgelagert wurde. Sicherheitspolitiker kritisierten diesen Entscheid mehrfach, weil der französische Rüstungskonzern Thales, welche den Zuschlag für die Durchführung der Evaluation erhielt, selber mit einem möglichen Waffensystem am Start war.

Schon im Februar wies ein Bericht der «Zentralschweiz am Sonntag«  daraufhin, dass die beiden Lenkwaffen, die nun gekauft werden sollen, die Anforderungen nicht erfültten. Das Produkt «Iris-T» des deutschen Herstellers Diehl sei nicht in der Lage, bei schlechtem Wetter zu treffen. Und die Lenkwaffe «CAMM-ER» des Rüstungskonzerns MBDA wiederum schiesse «nicht hoch und vor allem auch nicht weit genug». «CAMM-ER» kommt nur auf eine Reichweite von 20 Kilometer. (eis)

Publiziert am 23.03.2016 | Aktualisiert am 05.07.2016
teilen
teilen
7 shares
29 Kommentare
Fehler
Melden

29 Kommentare
  • Ruedi  Greub , via Facebook 24.03.2016
    Wenn es nichts mehr kosten darf, muss man halt bei der Qualität/Leistung Abstriche machen.
    Wenn wir was Anständiges wollen, dann müssen wir auch bereit sein einen angemessenen Preis zu zahlen.
    • Marco  Weber 24.03.2016
      Wen wir was anständiges wollen, sollte man vieleicht auch die anständigen Angebote prüfen und nicht einfach mal irgendetwas!
  • Gian  Schumacher aus Köniz
    24.03.2016
    man kann sagen was man will, Guy Parmelin hat hier dezidiert reagiert und entschieden. Er hat das Problem geerbt, nicht verursacht. Zur Selbstbefriedigung der Linken: ja ja ja er ist von der SVP. Drum sowieso ......
    • Daniel  Schlatter , via Facebook 24.03.2016
      Ich bin alles andere als ein SVP-Wähler. Das hindert mich nicht daran, das Handeln von Parmelin anzuerkennen. Wenn er jetzt noch die Verantwortlichen degradiert und entlässt, applaudiere ich sogar. Anderseits zeigt der Vorfall, was für einen Saustall sein Vorgänger hinterliess. Mir wird schlecht wenn ich daran denke, dass der nun der oberste Kassenwart ist....
  • Sepp  Rimensberger 24.03.2016
    Was haben wir hier für Leute an der Spitze, kaufen sie nur Schrott für vieles Geld, oder Waffen die noch gar nicht Existieren? Sie wurden doch Informiert über die Mängel dieser Waffen, oder wurde wenn möglich von diesen Firmen Schmiergelder bezahlt? Was ja möglich sein könnte.
  • René Martin  Amiguet aus Chiang Saen - Chiang Rai
    24.03.2016
    Gripen, Duro und der neue Zwilling haben allesamt den üblen Geruch von Korrupton
  • reto  schweizer 24.03.2016
    Die Armee hat ein viel zu hohes Budget, da können sie natürlich Geld verschwenden ohne Ende, wahrscheinlich kriegen die Beschaffer einen schönen Bazen wenn etwas gekauft wird. Frage mich noch immer wieso Maurer so wild auf den Grippen war, da ging es für ihn selber sicher auch um ein paar Milliönchen.
    • Kunz  Rene 24.03.2016
      @reto schweizer: Das Armee Budget, die Finanzen und der Zweck für eine erfolgreiche Landesverteidigung wurde seit Jahrzehnten und schrittweise gekürzt um die Mittel für die Entwicklungshilfe , Flüchtlinge und Asylbewerber Unterstützung und vor allem für Ausbau der Bundesangestellten Ausdehnung zu plündern. Möglicherweise wird auch ein großer Teil der Mittel "ein paar Milliönchen" abgezweigt für die Unterstützung von sehr vielen der 68 (Platzspitz) Generation die immer noch jammern.
    • Marco  Weber 24.03.2016
      Herr Kunz das Budget wurde gekürzt weil die Schweizer-Armee nicht x-Mia. braucht! Und wegen nichts anderem!
    • Urs  Meier 24.03.2016
      @Kunz. Mit 68 und Platzspitz vewechseln sie wohl etwas? Die 68er wahren zur Platzspitzzeit bereits im gestandenen Alter. Oder meinten sie etwa, dass der Panzer 68 noch unterstützung braucht?
      Wojl haben sie Recht mit der kürzung des Budget. Aber per Saldo hat das auf die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz keinen Einfluss, solange unbrauchbare Waffensysteme beschafft werden und alte Rostlauben aufgefrischt werden. Im Gegenteil, es würde eine trügerishe Sicherheit vermittelt.
    • Daniel  Schlatter , via Facebook 24.03.2016
      @Rene Kunz: weiter kürzen ist angesagt! Sie sehen ja, wie die Armee die Kohle verpulvert! Würde man die Mittel seriös einsetzen, könnten noch ein bis zwei Milliärdchen pro Jahr eingespart und die Kampfkraft trotzdem gesteigert werden.