Nahrungsmittel-Spekulation «Es sterben Tausende Kinder»

Heiner Flassbeck kämpft für die Volksinitiative für ein Verbot der Nahrungsmittelspekulation der Juso. Im Interview mit BLICK erklärt der Ökonom seine Gründe.

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Die Volksinitiative für ein Verbot der Nahrungsmittelspekulation findet neben der Durchsetzungs-Initiative und dem Streit um eine zweite Gotthardröhre wenig Beachtung. Dies dürfte sich radikal ändern, sollte sich am 28. Februar eine Mehrheit für das Volksbegehren aussprechen. Das ist möglich – gemäss SRG-Umfrage haben die Befürworter die Nase vorn.

Der prominenteste von ihnen ist Heiner Flassbeck (65). Der deutsche Ökonom war von 2003 bis 2012 Chef-Volkswirt der Uno-Organi­sation für Welthandel und Entwicklung. Zuvor arbeitete er als Finanzexperte im Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Im BLICK-Interview sagt er, was ihn antreibt und warum er den Jungsozialisten zu einem Erfolg verhelfen will.

BLICK: Herr Flassbeck, warum mischen Sie sich als Deutscher, der in Frankreich lebt, in unsere Innen­politik ein?
Heiner Flassbeck:
Ich wohne bei Genf, ein paar Hundert Meter von der Grenze entfernt, und gehe mit meinem Terrier jeden Morgen in der Schweiz spazieren. Da ich zwölf Jahre in Genf bei der Uno gearbeitet habe, kenne ich das Land auch sehr gut und fühle mich ihm verbunden. Wenn ich mich einmische, geht es mir immer darum, den Status quo zu verbessern.

Die Initiative will eine nationale Regulierung für einen globalen Markt. Das bringt doch nichts.
Die Diskussion wird nicht nur hier geführt. Ich habe sie in die G-20 getragen, und auch am Uno-Sitz in New York ist man für das Thema sensibilisiert. In Deutschland hat sich die Commerzbank aus dem Geschäft zurückgezogen, die USA und die EU haben Gesetze gegen die Finanzialisierung der Märkte gemacht. Sollte die Schweiz der schädlichen Spekulation nun einen Riegel schieben, hätte das weltweit eine riesige Signalwirkung. Hinzu kommt, dass Ihr Land im Bereich der Geldverwaltung noch immer ein sehr wichtiger Player ist und so auch weltweit Einfluss hat.

Und ausgerechnet dieser erfolgreiche Player soll nun die freie Marktwirtschaft einschränken. Was haben Sie gegen Spekulanten?
Der Begriff des Spekulanten ist vielleicht suboptimal. Es gibt nichts einzuwenden gegen Spekulation, die Nahrungsmittelproduzenten Sicherheit gibt. In diesem Fall vereinbart der Bauer einen fixen Preis mit dem Händler, zu dem er seine Ware zu einem späteren Zeitpunkt verkauft. Vor rund zehn Jahren tauchte aber das Phänomen auf, dass reine Finanzplayer auf steigende Preise wetteten. Es waren mehrere Hundert Milliarden Franken im Spiel. Das trieb die Preise logischerweise massiv in die Höhe.

Die Gegner argumentieren, dass für Preissprünge primär Dürren, Überschwemmungen oder Kälte verantwortlich seien.
Das behauptet auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Doch damit stellt er sich gegen die Realität. Zu behaupten, dass es keinen Einfluss auf den Preis hat, wenn derartige Summen auf Preissteigerungen gesetzt werden, ist absurd.

Eine Metastudie gibt ihm allerdings recht. Die Wissenschaft stützt Ihre These nicht.
Wir sprechen von einer Studie über Studien – so etwas als Grundlage für seine Argumentation zu benutzen, ist nicht seriös. Die einzelnen Studien lassen sich kaum vergleichen, und viele stammen aus der Zeit vor 2010. Hinzu kommt, dass viele Autoren aufgrund einer neoliberalen Grundhaltung den freien Markt bis zum letzten Atemzug zu verteidigen versuchen. Insofern hat der Bundesrat seine Position basierend auf falschen Fakten und wenig Fachwissen fest­gelegt. Ich bin enttäuscht, dass er sich im Vorfeld nicht an kritische Ökonomen gewandt hat. Ich hätte gerne geholfen. Schneider-Ammann weiss es wohl schlicht nicht besser, aber dann muss man sich beraten lassen.

Fakt ist doch, dass die Preise für Grundnahrungsmittel seit Jahren einigermassen stabil geblieben sind.
Die Rohstoffblase platzte nach der Finanzkrise, doch es gab auch nach 2010 nochmal eine Phase mit hohen Preisen. Seit zwei, drei Jahren gibt es aber weniger Finanzhändler in diesem Bereich.

Der Markt hat also funktioniert, wenn auch mit etwas Verzögerung.
Was Sie Verzögerung nennen, kostete Menschenleben. Wenn der Preis für Weizen, Mais oder Soja über Jahre von Spekulanten hochgetrieben wird, sterben Tausende von Kindern, weil sich Familien das Essen nicht mehr leisten können. Der Mechanismus ist ähnlich wie beim starken Franken. Die Nationalbank musste in den letzten Jahren intervenieren, sonst wäre die hiesige Industrie heute tot.

Die bürgerlichen Gegner des Anliegens sehen zahlreiche Arbeitsplätze in der Schweiz in Gefahr. Kümmert Sie das nicht?
Das ist einfach nicht richtig, weil niemand den normalen Rohstoffhandel verbieten will. Und die Banken haben die Bereiche ohnehin schon sehr verdünnt.

Publiziert am 26.01.2016 | Aktualisiert am 26.01.2016
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21 Kommentare
  • Paul  Meier aus Bergdietikon
    27.01.2016
    Flassbeck, notabene unter Lafontaine (sagt schon vieles....) "Mitkonstrukteur" des Euro, sollte die Situation eigentlich kennen. Esswaren gibt es genug, aber zuweing Infrastrukturen für Lager und Verteilung, Korruption in seinen geliebten sozialistischen Staaten! Deshalb müssen Menschen hungern, nicht wegen den paar Spekulanten die in diesen Märkten ihr Geld verlieren (wie es die meisten tun)!
  • Köbi  Karrer 27.01.2016
    Diese Initiative ist nicht durchsetzbar und verstösst gegen die Gewerbrefreiheit in der Verfassung. Was ändert sich dran, wenn man das in der CH verbietet, der Rest der Welt tuts aber weiter. Das ist nichts weiter als eine kleinkarrierte und populistische Scheinlösung für ein globales Problem. Die Bildungsfernen JUSOs verstehen diese Mechanismen einfach nicht.
    • Marion   Jost aus Schönenwerd
      27.01.2016
      Ach wenn ihnen Bürgerlichen es nicht passt, sind die Jusos einfach bildungsfern, typische Argumentation von rechter Seite! Sie sehen nur den Markt, die Jusos sehen tote Menschen die Verhungern! Betreffend Bildung würde ich Ihnen die Doku Food Inc. ans Herz legen, vielleicht gehen Ihnen dann ein paar Lichter auf!
    • Claudio  Hammer aus Zürich
      27.01.2016
      Na immerhin haben sich schon ein paar grosse europäische Banken freiwillig von diesem Geschäftsfeld verabschiedet - weil diese eben erkannt haben, dass es ein Korrelation zw. hohen Nahrungspreisen und Spekulation im Sekundärmarkt geben kann.
      Zuviel Gier kann eben auch bildungsfern machen!
      Der einzige der hier einen spätkapitalistischen Populismus verbreitet sind vermutlich Sie Herr Karrer!
  • Markus  Thalmann aus Luzern
    27.01.2016
    Herr Flassbeck, nur weil sie ab und zu hier in der Schweiz spazieren gehen gibt dass ihnen noch lange nicht das Recht, sich am Wahlkampf zu beteiligen, dass ist einfach nur Arroganz. Und wenn sie schon die Moralkeule schwingen wollen, sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass jährlich ca. 55 Millionen Menschen sterben, am meisten wegen Tabakgenuss und nicht wegen Hunger. Aber wahrscheinlich haben sie noch Aktien von Philip Morris oder British American Tobacco.
  • urs  waelchli 27.01.2016
    Wenn in Zukunft in den grossen Getridegebieten die Ernte nicht mehr vor der Ansaat verkauft werden kann oder verpfändet, haben die Produzenten das Kapital garnicht um dass Saatgut und den Dünger zu kaufen, ergo es wird weniger angebaut, die Preise steigen und es sterben noch mehr Menschen an hunger!!
  • André  Ammann 27.01.2016
    Der hat doch in der Schweiz nicht zu politisieren, er soll nach Deutschland.
    Er kann Frau Merkel helfen, die kommt ja auch nicht klar.