Die krisengeschüttelte Europäische Union erhält den Friedensnobelpreis. Nicht für die aktuelle Politik, sondern für den nachhaltigen Frieden, den sie gestiftet habe.
Die Europäische Union, dieser oft zerstrittene Haufen von 27 Staaten, steckt in ihrer grössten Krise. Alle Augen richten sich seit Monaten nach Griechenland, das wegen der Euro-Krise am Abgrund steht. Mit Milliarden-Spritzen muss die EU das Land am Leben halten. Der Sparkurs treibt die griechische Bevölkerung zur Weissglut.
Und nun die grosse Überraschung: Das norwegische Nobelkomitee ehrte gestern die EU mit dem Friedensnobelpreis 2012 – ausgerechnet. Als Preisgeld heimst die EU dafür acht Millionen schwedische Kronen, umgerechnet 1,1, Millionen Franken.
Sofort stellt sich die Frage: Kriegen die gebeutelten Griechen wenigstens das Preisgeld? Sie, die jeden Rappen mehr als gebrauchen können? Fehlanzeige! Bereits gestern liess die EU mitteilen, man wolle das Geld einer wohltätigen Organisation zukommen lassen.
Die Europäische Union, ein Monstrum von Gebilde, als Friedensnobelpreisträger, geht das? Wollen wir nicht lieber Menschen sehen, die in die Kamera strahlen?
Wie der Dalai Lama 1989, oder Michail Gorbatschow ein Jahr später. So wie 1993 Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela, später Südafrikas erster schwarzer Präsident. Oder vielleicht das Lächeln von US-Präsident Barack Obama, der den Preis 2009 als Vorschusslorbeeren erhielt.
Die EU erhält die Auszeichnung nicht für das Jetzt, wo sich Krisengipfel an Krisengipfel reiht, sondern für seine 60-jährige Geschichte, für die Idee der europäischen Einheit (Siehe Box).
Thorbjörn Jagland, Chef des Komitees, begründete die Entscheidung so: «Die Union und ihre Vorgänger haben über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung beigetragen. Seit 1945 ist diese Versöhnung Wirklichkeit geworden.» Frankreich und Deutschland hätten über 70 Jahre drei Kriege ausgefochten, heute seien Kriege zwischen den beiden Ländern undenkbar. Später, nach dem Fall des eisernen Vorhangs, sei die Integration der osteuropäischen Staaten gekommen. Die Erweiterung im Balkan werde die Aussöhnung dort vorantreiben.
Er sagte aber: «Die EU erlebt derzeit ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und beachtliche soziale Unruhen.» Gerade darum wolle das Komitee den Blick darauf lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht.
Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, bezeichnete die Auszeichnung als grosse Ehre. Ehre, die «allen 500 Millionen Bürgern» gelte. Der Präsident des Europarlaments, der Deutsche Martin Schulz, zeigte sich «sehr berührt und geehrt». «Die EU ist ein einzigartiges Projekt, das Krieg durch Frieden und Hass durch Solidarität ersetzt hat.» Auch der Bundesrat gratulierte. «Mit seinem Entscheid will das Nobelpreiskomitee die EU für ihren Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa auszeichnen», so Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf.
Nun darf in der Europäischen Union nur nicht noch ein Streit darüber entbrennen, wer den Preis am 10. Dezember in Empfang nehmen darf.
Als Europa nach den Weltkriegen noch in Trümmern lag, fing alles an: Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) begann ab 1950, die Länder Europas wirtschaftlich zu vereinen. Gründungsmitglieder waren Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Holland und Luxemburg.
1957 wurden in Rom die Verträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Atomgemeinschaft Euratom unterzeichnet.
1967 die grosse Fusion: EGKS, EWG und Euratom schlossen sich zur Europäischen Gemeinschaft (EG) zusammen.
1973 kam es zur ersten Erweiterung: Grossbritannien, Irland und Dänemark schlossen sich der EG an. Nach ihrer erfolgreichen Demokratisierung folgten in den 1980er-Jahren Griechenland, Spanien und Portugal.
Durch die Gründung der Europäischen Union (EU) 1992 mit dem Vertrag von Maastricht, bekam das Bündnis auch Zuständigkeiten in nichtwirtschaftlichen Bereichen.
Drei Jahre später schlossen sich Schweden, Finnland und Österreich an. 2004 die nächste grosse Erweiterung, darunter acht ehemalige kommunistische Ostblockstaaten. 2007 kamen Bulgarien und Rumänien hinzu.In der EU bilden zurzeit 17 Länder die Wirtschafts- und Währungsunion, seit dem 1. Januar 2002 haben sie den Euro. Heute gibt es 27 EU-Staaten mit über einer halben Milliarde Einwohner.
Beitrittskandidaten sind: Island, Kroatien, Mazedonien, Montenegro und die Türkei.
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