Drohungen! Kosovo zu gefährlich für Schweizer IV-Schnüffler

  • Publiziert: 27.08.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
play IV-Rentner werden auf Herz und Nieren geprüft. (Keystone)

BERN – In der Schweiz waren die Kontrolleure durchaus erfolgreich. Beim Pilotversuch im Kosovo mussten die Observationen wegen Drohungen gegen die Ermittler eingestellt werden.

Seit August 2008 geht die IV offensiv gegen die Betrüger unter den rund 300000 Rentnerinnen und Rentnern vor. Seither wurden von 2600 Verdachtsfällen 950 abgeklärt, wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) heute an einer Medienkonferenz in Bern bekanntgab. In 150 Fällen hat sich der Verdacht erhärtet.

Im Kampf gegen den Rentenbetrug unter dem Motto «Nulltoleranz» wurden auch 120 Observationen eingeleitet. 60 davon sind abgeschlossen, 20 führten zur Überführung der Betrüger. In den andern Fällen genügten weniger einschneidende Abklärungen, beispielsweise zu Auffälligkeiten beim Erwerbseinkommen.

20 der eruierten Betrüger müssen Leistungen zurückzahlen, gegen 30 erfolgte Strafanzeige. Die eingesparten Leistungen betragen etwa 2,5 Millionen Franken. BSV-Vizedirektor Alard du Bois-Reymond schätzt die Zahl der IV-Betrüger auf 2000 bis 3000 und die ertrogene Summe auf rund 50 Millionen – dies bei Rentenausgaben von 5,6 Milliarden.

Drohungen im Kosovo

Ende 2008 wurden in Thailand und im Kosovo Pilotversuche mit verdeckten Ermittlungen durch spezialisierte Firmen gestartet. Im Kosovo, wohin einige hundert Schweizer Renten vorab an Ausländer gehen, mussten die Observationen nun aber aus Sicherheitsgründen eingestellt werden, weil die Ermittler von Privaten ernsthaft bedroht wurden.

«Wir haben deshalb noch eine Schraubendrehung mehr gemacht», sagte du Bois-Reymond. Die betroffenen Renten würden sistiert, bis der Betrugsverdacht ausgeräumt sei. Es sei am Bundesrat, eine Standortbestimmung im Verhältnis zum Kosovo vorzunehmen.

In Thailand, wo rund 350 IV-Renten insbesondere an Schweizer ausbezahlt werden, gab es sechs Observationen. Zwei davon wurden mittlerweile abgeschlossen, eine erhärtete den Verdacht. Dies bestätigt laut BSV, dass die Politik der Null-Toleranz auch im Ausland durchgesetzt werden kann.

Die offensive Betrugsbekämpfung soll deshalb auf andere Länder mit vergleichbaren Voraussetzungen ausgedehnt werden, beispielsweise auf Brasilien, die Philippinen oder die Dominikanische Republik. Zudem möchte das BSV die Möglichkeit von Observationen in Sozialversicherungsabkommen verankern. Im Vordergrund stünden dabei weitere Länder im Balkan und die Türkei. (SDA)

Zunder für Abstimmungskampf

Die vom BSV vorgestellten Resultate riefen sogleich Gegner und Befürworter der IV-Zusatzfinanzierung auf den Plan, über die am 27. September abgestimmt wird. Zufrieden über die erste Zwischenbilanz zeigte sich etwa das bürgerlich-liberale Pro-Komitee. Das errechnete Sparpotenzial von 50 Mio. Fr. sei allerdings zur Sanierung der IV bei einem Defizit von 1,4 Mrd. Fr. ein «Tropfen auf den heissen Stein». Für das Komitee und die Gewerkschaft Travail.Suisse ist die BSV-Bilanz weiter der Beweis, dass der Missbrauch längst nicht soweit verbreitet sei, wie dies die Gegner der IV-Zusatzfinanzierung behaupteten. «Die Hetze, welche die SVP veranstaltet, ist unehrlich und verantwortungslos», schreibt Travail.Suisse. Der SVP stösst vor allem die Bilanz zur Missbrauchsbekämpfung im Ausland sauer auf. Diese sei «kläglich gescheitert», schreibt sie in einem Communiqué und fordert den Bund auf, die Bekämpfung «endlich wirksam» anzugehen.