Links und Rechts vereint Jetzt machen Jungpolitiker Druck auf Muslime

  • Aktualisiert am 16.01.2012
  • Von Simon Hehli

BERN – Die jungen Stimmbürger verhalfen dem Minarett-Verbot zum Durchbruch. Die neue Generation spürt ein Unbehagen gegenüber dem Islam – und stösst selbst bei der Juso auf offene Ohren.

«Als ich vor zehn Jahren ins Gymnasium ging, war ich als SVP-Mitglied noch ein Aussenseiter», erzählt der St. Galler Nationalrat Lukas Reimann (27). Heute habe sich der Wind gedreht – und rechtes Gedankengut sei bei den Jungen salonfähig geworden. «Studien haben gezeigt, dass die 18- bis 29-Jährigen in den letzten Jahren konservativer geworden sind», bestätigt Politologe Lukas Golder vom Forschungsinstitut gfs in Bern diesen Befund.Genaue Zahlen zum Abstimmungsverhalten der einzelnen Altersgruppen liegen zur Minarett-Initiative zwar noch nicht vor. Doch aufgrund des allgemeinen Trends dürften die jungen Stimmbürger entscheidend zum überraschenden Erfolg der Verbots-Vorlage beigetragen haben.Das mögen auch die Jungpolitiker nicht bestreiten, die gegen die Initiative angekämpft haben. Cédric Wermuth (23), Chef der Jungsozialisten, erklärt gegenüber Blick.ch: «Es gibt unter den Jungen – gerade unter den Frauen – ein grosses Unbehagen gegenüber den patriarchalen Strukturen in einigen Immigrantengruppen.» Auch die Angst vor der Gewalt durch Gleichaltrige müsse ernst genommen werden.FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (28) macht bei den Männern und Frauen, die heute ins Berufsleben eintreten, ebenfalls eine Zukunftsangst aus. Diese führe zur häufigen Ablehnung von Öffnungsfragen.«Muslime schwieriger als Deutsche»Diese Skepsis erklärt SVP-Mann Reimann mit negativen Erfahrungen, die viele Junge am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Ausgang mit Ausländern machten. «Häufig sind es Muslime, die Probleme machen. Sie sind nun mal schwieriger zu integrieren als Deutsche.»Den Einwand, dass sich solche Muslime kaum in einer Moschee blicken lassen und ein Minarett-Verbot damit am Problem vorbeizielt, lässt er nicht gelten. «Religion lässt sich von Kultur nicht trennen.» Junge Muslime, welche die Gleichstellung der Frau ablehnen, seien durch ihre Herkunft geprägt worden.Juso Wermuth findet es zynisch, dass sich nun ausgerechnet die SVP als Vorreiterin beim Schutz der Frauen aufspiele. «Schliesslich haben die gleichen Leute sich gegen das Frauenstimmrecht gewehrt – und auch dagegen, dass häusliche Gewalt ein Offizialdelikt wird.»Dass es offenbar eine Angst vor der Bildung einer muslimischen Parallelgesellschaft gebe, sei zudem auf rein bürgerliches Versagen zurückzuführen, sagt der Aargauer. «Wer hat denn zuletzt das Justizdepartement geleitet? Christoph Blocher und Eveline Widmer-Schlumpf!»Alle wollen Muslime stärker fordernAbgesehen von solchen Sticheleien sind sich die drei Jungpolitiker einig, dass die Politiker und die direkt Betroffenen nach dem Resultat vom Sonntag nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Wermuth will die SVP als grosse Siegerin in die Pflicht nehmen: Mit konstruktiven Vorschlägen müsse sie nun beweisen, dass es ihr bei der Minarett-Initiative nicht nur um «billigen Populismus» gegangen sei.Kein Problem findet Reimann – und zählt seine Forderungen auf. Es brauche jetzt einen individuellen Integrationsvertrag mit Ausländern aus dem islamischen Kulturraum. «Die Aufenthaltsbewilligung wird damit an die Sprachkenntnisse und an ein Bekenntnis zu unseren Grundwerten wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau gebunden.»Er habe im Wahlkampf einige Moscheen besucht und dabei auch Imame getroffen, die kaum ein Wort Deutsch sprachen, berichtet Reimann. Deshalb will er eine Prüfung für die Gottesmänner einführen, die für ein Miteinander der Religionen statt ein Gegeneinander eintreten müssten. Eine Imam-Ausbildung an Schweizer Unis lehnt er aber im Gegensatz zu Wasserfallen ab – aus finanziellen Gründen.Konsens herrscht unter den drei Politikern, dass sich die Schweizer Muslime noch klarer gegen Missstände wie Zwangsheiraten, Genitalverstümmelungen, Steinigungen oder islamistischen Terrorismus aussprechen sollten. «Damit könnten sie sich viel Goodwill schaffen», gibt sich Hardliner Reimann versöhnlich.
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