Der Schweizer Jakob Kern leitet das Welternährungs-Programm der Uno in Syrien: «Ich sehe auch die Hoffnung der Menschen»

Der Schweizer Jakob Kern hat einen der härtesten Jobs der Welt: Er verteilt als Direktor des Welternährungs-Programms der Uno Nahrungsmittel in Syrien. Im BLICK-Interview schildert er die dramatische Lage im bürgerkriegsversehrten Land.

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BLICK: Herr Kern, wie stabil ist die Waffenruhe in Syrien? 

Jakob Kern: So weit, so gut. Mit wenigen Ausnahmen sieht es so aus, als ob die Waffenruhe eingehalten wird. Wir hoffen natürlich, dass dies so bleibt und wir dadurch in Gebiete gelangen, die vorher nicht erreichbar waren, und dringend notwendige Hilfslieferungen machen können.

Wie steht es im Moment um die Versorgung der syrischen Bevölkerung?

Derzeit sind 8,7 Millionen Menschen in Syrien auf Hilfe angewiesen, über sechs Millionen sind akut von Hunger oder Unterernährung bedroht. Von diesen erreichen wir mit dem Welternährungs-Programm etwa 4,2 Millionen. Der Rest lebt in den Gebieten, die vom sogenannten Islamischen Staat kontrolliert werden. Dort kommen wir gar nicht hin.

Warum nicht?

Wir haben unsere humanitären Prinzipien und unterstützen immer die Menschen zuerst, die unsere Hilfe am meisten benötigen. Das heisst in den meisten Fällen: Frauen und Kinder. Aber der IS will von diesen Grundsätzen nichts wissen.

Wie bringen Sie die Hilfsgüter zu den Menschen?

Mittels Lastwagen durch lokale Partnerorganisationen wie etwa den Syrischen Roten Halbmond. Die Verteilung klappt in der Regel gut. Schwierig wird es allerdings, wenn wir über die Frontlinie hinweg Güter transportieren müssen, etwa in eine der 18 belagerten Städte. Die Belagerer müssen unseren Transporten zustimmen. Dabei ist es ja gerade der Sinn einer Belagerung, die Versorgung eines Quartiers oder einer Stadt zu unterbrechen . In der vergangenen Woche habe ich einen solchen Konvoi geleitet und gesehen, wie schwierig solche Lieferungen immer noch sind. 

Wohin fuhren Sie?

Nach Moadamyiah , das ist ein Stadtteil von Damaskus, der von Regierungstruppen eingeschlossen ist. Wir transportierten Lebensmittel, Medikamente, Decken und Winterkleidung. Sogar eine Dialysemaschine war dabei. Wir waren 37 Stunden nonstop unterwegs, dabei liegt Moadamyiah gerade einmal zehn Kilometer von meinem Büro in Damaskus entfernt! Vor dem Krieg dauerte die Fahrt vielleicht eine halbe Stunde. Doch allein an einem einzelnen Checkpoint der syrischen Armee mussten wir 20 Stunden warten.

Wie viele Menschen leben und leiden in Moadamyiah?

Rund 44 000 Zivilisten, die einfach nur versuchen zu überleben. Die Versorgungslage dort ist prekär, die Atmosphäre gespenstisch. Es gibt kaum fliessend Wasser, Strom schon gar nicht. Die meisten Gebäude sind teils oder total zerstört. Die Menschen leben in Ruinen aus Beton. Es sieht aus wie in einem Horrorfilm. 

Wurden Sie Zeuge von Kämpfen?

Auf dieser Fahrt sind uns nicht viele Bewaffnete begegnet. Moadamyiah wird auch nicht mehr bombardiert. Im benachbarten Stadtteil allerdings wurde während unserer Fahrt heftig gekämpft. Andauernd hörten wir die Explosionen und Gewehrsalven.

Wie bereiten Sie sich auf einen solchen Einsatz vor? 

Wir wissen genau, welche Strassen umkämpft und welche sicher sind. Und wir kennen natürlich die Checkpoints der Armee, die wir passieren müssen. Zudem sind wir nur in gepanzerten Fahrzeugen, mit Helm und kugelsicherer Weste unterwegs. Und wenn wir an unserem Zielort angekommen sind, versuchen wir, Menschenansammlungen zu umgehen.

Warum?

Grössere Gruppen stellen ein potenzielles Ziel dar. Für uns noch schwieriger ist aber das Temperament der Menschen. Als wir zum ersten Mal nach Moadamyiah kamen, wurde um jeden Sack Mehl gestritten und gekämpft. In solchen Momenten ziehen wir uns zurück und warten, bis sich die Lage beruhigt hat. 

Wie gefährdet sind Ihre Mitarbeiter in Syrien?

Das ist meine grösste Sorge. Bei meiner letzten Fahrt nach Aleppo geriet unser Konvoi unter Beschuss. Verletzt wurde zum Glück niemand. Wir von der Uno werden selten angegriffen. Anders unsere Partner: Der Syrische Halbmond, der einen Teil der Lebensmittelverteilung für uns übernimmt, verliert jeden Monat Leute. 

Sie leben und arbeiten in Damaskus und stehen dort gerade unter dem Schutz jener Armee, die diesen Bürgerkrieg mit äusserster Brutalität führt.

Wir sind eine humanitäre Organisation und keine Partei in diesem Konflikt. Wir versuchen jenen Leuten zu helfen, die uns brauchen. Egal, welche politische Meinung sie haben.

Rechnen Sie dieses Jahr mit einer weiteren grossen Fluchtbewegung nach Europa?

Das hängt davon ab, ob der Waffenstillstand hält. Wenn ja, werden die Menschen eher nach Syrien zurückkommen. Doch es kommt nicht nur auf die Situation in Syrien an: Die Millionen Syrer, die in den Lagern Jordaniens, der Türkei oder im Libanon leben, gehen dann nach Europa, wenn sie in diesen Ländern keine Perspektive haben. Und viele Syrer, gerade in Jordanien, verkaufen heute ihre Grundstücke in der Heimat, um zumindest einem Familienmitglied die Reise nach Europa zu finanzieren. Diese Menschen haben in Syrien keine Lebensgrundlage mehr. 

Welche Zukunft hat dieses Land nach fünf Jahren Krieg?

Die Zerstörung ist immens. Jene Städte, die von den Rebellen kontrolliert werden oder wurden, sind weitgehend zerstört. Der Osten von Aleppo etwa oder ganze Quartiere der Stadt Homs sind völlig zerstört, da blieb kein Stein auf dem anderen. Da helfen nur noch der Bulldozer und ein kompletter Neuaufbau. Der Krieg hat das Land in seiner Entwicklung um mindestens
15 Jahre zurückgeworfen. Das wird Milliardeninvestitionen brauchen. 

Wie verarbeiten Sie solche Erlebnisse?

Ich sehe nicht nur die Verzweiflung der Menschen, sondern auch ihre Hoffnung, wenn wir einen Konvoi durchbringen. Wenn wir ein zweites Mal in eine Stadt oder ein Dorf kommen, dann merken die Menschen, dass der Rest der Welt sie noch nicht vergessen hat. Das ist unglaublich wichtig. Und hilft auch mir persönlich.

Was sind Ihre Hoffnungen?

Alle Menschen wollen Frieden: «We want peace.» Egal, mit wem man spricht. Ich glaube, die Chance ist jetzt grösser denn je. Ich hoffe, dass dieser Waffenstillstand hält. 

Doch Sie werden noch jahrelang präsent sein?

In jedem Szenario haben wir mehr zu tun. Gibt es Frieden, kommen die Menschen zurück. Geht der Krieg weiter, wächst auch die Zahl der Bedürftigen. Es ist die Frage, wie schnell sich das Land erholt. Vor dem Krieg war Syrien gut dran. Gut ist, dass die Entwicklung relativ hoch ist, dass Bildung viel gilt. Selbst in den IS-Gebieten werden die Lehrer immer noch bezahlt. Das ist immerhin ein Hoffnungsschimmer.

Publiziert am 07.03.2016 | Aktualisiert am 08.03.2016
Gestrandet: Flüchtlingskinder in der griechischen Grenzstadt Idomeni. NIKOS ARVANITIDIS

Balkanroute wird Sackgasse

Wien/Brüssel – Beim EU-Gipfel von heute soll die sofortige Beendigung des Flüchtlingsstroms über die Balkanroute zur obersten Priorität erklärt werden. Das geht aus einem Entwurf der Schlusserklärung hervor. Laut dem «Standard» heisst es darin: «Der irreguläre Strom von Migranten entlang der Westbalkanroute geht zu Ende. Diese Route ist ab nun geschlossen.» Griechenland muss demnach sofort 50'000 Plätze für Asylbewerber realisieren und bekommt dafür «jedwede Hilfe» der EU. Migranten ohne Chance auf Asyl sollen ab sofort in die Türkei abgeschoben werden.

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2 Kommentare
  • Hans  Fehr 07.03.2016
    Ich weiss ja nicht was Sie anschauen, aber beispielsweise in Aleppo kann man deutliche und umfassende Zerstörung erkennen...
  • Rolf  Wittwer 07.03.2016
    Eine indirekte Frage zum Flüchtlingsproblem:
    Wie oder warum kommt es, dass, wenn ich Google Earth öffne und in Syrien, bzw. Irak herumzoome, ich fast keine beschädigte Ballungszentren, Dörfer, Anlagen und Verbindungen usw. vorfinde? Dies trotz jeweilig recht aktuellen Sat-Aufnahmedaten?
    Hat jemand eine sachliche Erklärung dafür?