Schweizer Muslime organisieren sich Info-Offensive, Fatwa-Rat und islamische Schulen

  • Publiziert: 15.01.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
play Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats, heute bei der Vorstellung seiner Ziele. (Reuters)

BERN – Das Minarett-Verbot schockierte die Muslime hierzulande. Künftig will der neu gegründete Zentralrat besser informieren – und Prediger Vogel links liegen lassen.

Der im Oktober gegründete Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) trat im letzten Dezember mit der Kundgebung «Stoppt die Hetze gegen den Islam» an die Öffentlichkeit – und reagierte damit auf das Ja zum Minarett-Verbot. An der Kundgebung hätte auch der umstrittene deutsche Islam-Prediger Pierre Vogel teilnehmen soll, er wurde aber an der Grenze abgefangen (siehe Box rechts).

Die Querelen um die Demo haben dem jungen Verband nicht geschadet: Er zählt mittlerweile immerhin schon 500 Mitglieder. Und auch die Spenden fliessen nach eigenen Angaben reichlich.

Jetzt will der Rat seine Informationsoffensive zur Korrektur des Islambilds hierzulande fortsetzen. Dazu will er in grösseren Städten an Ständen auf der Strasse die Leute ansprechen und Informationsmaterial verteilen. Der IZRS plant auch die Einrichtung einer telefonischen «Islam-Infoline», hat bereits eine Internetseite eingerichtet und will Vorträge organisieren.

Islamische Schulen einrichten

Langfristig strebt er an, zum anerkannten Repräsentant des traditionellen Islams sunnitischer Ausrichtung in der Schweiz zu werden, anerkannte islamische Schulen zu etablieren und sich in alle Landesregionen auszubreiten.

Der Verband will auch einen Fatwa-Rat einrichten, der islamische Rechtsgutachten verfasst.

Anerkannte Religion – für Kirchensteuer


Fernziel ist auch die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams durch die Kantone, wie Präsident Nicolas Blancho, ein Bieler Konvertit, heute an der «Gründungs-Pressekonferenz» in Bern sagte.

Dadurch könnten die muslimischen Gemeinden eines Tages auch Kirchensteuern bei ihren Mitgliedern erheben – würden gleichzeitig aber auch stärker durch den Staat kontrolliert. (SDA/hhs)

Einladung an Vogel «war ein Fehler»

Es sei ein Fehler gewesen, den deutschen Islam-Prediger Pierre Vogel zur Kundgebung vom 13. Dezember des letzten Jahres auf dem Berner Bundesplatz einzuladen, sagte IZRS-Präsident Blancho am Rand des Anlasses. Vogel werde sich künftig nicht mehr zu Schweizer Angelegenheiten äussern. Blancho bezeichnete es auch als Fehler, damals andere Islamorganisationen in der Schweiz als zu passiv kritisiert zu haben. Er habe seither mit Vertretern gesprochen. Es sei geplant, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Evangelische Allianz fordert Religionsfreiheit auch in muslimischen Ländern

ZÜRICH – Das Parlament der Arabischen Liga hatte Ende Dezember in Kairo die Schweiz aufgerufen, auf «den abwegigen Entscheid» zurückzukommen, den Bau von Minaretten zu verbieten. Der Volksentscheid berge die Gefahr, den Rassismus in Europa anzuheizen.

Die Schweizerische Evangelische Allianz hat jetzt auf diesen Aufruf reagiert. Ein guter Dialog, wie es sich die Arabische Liga wünsche, müsse von einer Respektierung von Menschenrechten, besonders der Religions- und Meinungsäusserungsfreiheit, auch in den arabischen Ländern begleitet sein, heisst es in ihrem Brief.

Zur Religionsfreiheit gehöre insbesondere auch das Recht, seinen Glauben in der Öffentlichkeit zu verkünden und die Religion zu wechseln. Heute bestehe diese grundlegende Freiheit in vielen Mitgliedstaaten der Arabischen Liga jedoch nicht. (SDA)