Heute Aleppo, gestern Sarajevo Wenn Kriege langweilen, stirbt die Menschlichkeit

Die syrische Stadt Aleppo ist gefallen, unermesslich ist das Leid der Zivilbevölkerung. Und es ist nicht das erste Mal, dass die Welt wegschaut, statt zu handeln. Erinnerungen an die Belagerung von Sarajevo (1992–1996).

Unter Beschuss von serbischen Heckenschützen: Sarajevo im April 1992. play
Unter Beschuss von serbischen Heckenschützen: Sarajevo im April 1992. AFP

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Ich konnte es nicht mehr hören. Sarajevo. Ja, schlimm, was in der eingekesselten Stadt passiert, dort irgendwo in Ex-Jugoslawien. Aber schon lange schlimm. Wieder Tote, wieder Granaten, immer dasselbe, immer noch Krieg. Fast alle hörten und schauten wir weg in der Schweiz, damals in den 1990er-Jahren.

Einmal wurde ruchbar, dass serbische Kellner einer Beiz, in der ich gern verkehrte, an Wochenenden in die Heimat fuhren, um Soldaten zu sein. Und sich eines Tages weigerten, weiter mit dem bosniakischen Kollegen zusammen zu arbeiten. Da fiel der Schatten des Kriegs bis in die Berner Altstadt, und fortan mied ich das Lokal. Kurzes Aufflackern von Betroffenheit. Aber es gab kaum etwas Langweiligeres als der Bosnien-Krieg.

Beschämt in der unerhörten Stadt 

Doch dann wurde ich tiefer erschüttert und mehr beschämt als je zuvor in meinem Leben. Im Winter 1995 reiste ich, mehr aus Zufall denn Interesse, für eine Reportage ins geschundene Sarajevo. Das Ende der Belagerung, die im April 1992 begonnen hatte, war absehbar. Sie dauerte insgesamt 1425 Tage. Die letzten Heckenschützen holten sich ihre letzten Opfer, zum eigenen Vergnügen noch. 

Plötzlich war Sarajevo nicht mehr das Wort, das ich nicht mehr hören konnte. Plötzlich war es eine lebendige Stadt voller toter Seelen. Die Ruinen waren zum Anfassen, die kaputten Häuser bewohnt von richtigen Menschen. Versehrten, Überlebenden, unerhört tapferen Menschen.

Geschichten, die der Tod schrieb

Sie liessen mich in ihre kalten Wohnungen, in denen sie sich die menschliche Würde zu bewahren versuchten. Sie kochten für mich grosszügig mit dem Wenigen, das sie hatten. Sie erzählten mir ihre Geschichten. In jeder kamen tote Verwandte vor.

Eine Geschichte war jene von Boban, einem serbischen Bosnier, der dem Ethnie-Faschismus von Serbenführer Karadzic den Glauben an die Vielvölkerstadt Sarajevo entgegenhielt. Zu einem hohen Preis: An der Front drei Mal verletzt, operiert ohne Narkose, sein neugeborener Sohn von einem Granatsplitter getötet. Als er ihn in den Sarg legt, den er aus dem letzten Brennholz zimmerte, kommt der Friedhof unter Beschuss. 

Leid darf uns nie verleiden

Solche Geschichten gab es Tausende. Ich hätte nur hinhören müssen. Vorher. Jetzt war es zu spät. Die abgestumpfte Welt hatte die Menschen von Sarajevo im Stich gelassen. Und ich war ein Teil davon. Seither weiss ich: Elend muss beelenden, Leid darf uns nie verleiden. Überdruss ist ein heimtückischer Feind der Menschlichkeit.

Publiziert am 15.12.2016 | Aktualisiert am 15.12.2016
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15 Kommentare
  • werner   zuercher aus Pfaffnau
    16.12.2016
    und was ist mit mossul? fallen dort gute amerikanische und europäische bomben auf die zivilbevölkerung? auf schulen und spitäler? warum berichtet man darüber nicht? wie in aleppo wird auch dort gegen islamische fundamentalisten vorgegangen! ist es für die kinder in mossul angenehmer zu sterben weil sie durch gute amerikanische und europäische waffen umkommen?
  • Baris  Taskesen aus Solothurn
    16.12.2016
    Wie wäre es mal mit auf die Strasse zu gehen und gegen jegliche Regierungen der Erde sich zu wehren?? Wenn uns als Volk eines belehrt hat...dann ist es die französische Revolution!! Nach Gott kommt das Volk hiess es damals...wir sind alle am Rande einer Kapitulation als Volk und Mensch, was haben wir den noch zu verlieren??? Gemeinsam sind wir stark, lassen wir uns nicht alles bieten.
  • Ruedi  Voser 15.12.2016
    Wie wäre es, wenn denn der Krieg zu Ende sein sollte, Assad und Russland von ihren Oel- Gas- etc. Bodenschätzen riesigen Milliardeneinkünften Aleppo und das Land wieder aufbauen, das sie zerstört haben? Sind wir und andere EU-Länder wieder für die Hilfe dort verantwortlich, anstatt für unsere immer mehr Leute und vor allem hunderttausenden von Kindern an oder unter der Armutsgrenze lebenden zu sorgen?
  • Arthur  Furter 15.12.2016
    Der Krieg ist Bestandteil des Friedens und eben nicht umgekehrt. Tragischerweise...
  • Camille  LaFontaine aus Bern
    15.12.2016
    "Wenn Kriege langweilen, stirbt die Menschlichkeit"

    Denkt sonst noch jemand, dass dies die absurdeste Äusserung des 21. Jahrhunderts ist?
    • Marco  Weber 15.12.2016
      Nein Camille denn genau so ist es!
    • Seo  O. 15.12.2016
      Camille, es ist für den Menschen oft nicht einfach, wenn ihm ein Spiegel vorgehalten wird, wenn er sich sieht... man schaut weg, schaltet um, blättert weiter. So sind wir. Das sind wir. Gibt einen negativen Kommentar ab. Oder eine negative Bewertung. Dann fühlt man sicb gleich wieder besser. Und diese unschönen, nein, unpassenden Szenen sind gleich wieder ein Bisschen weiter weg...
      Fahren Sie am 11.Juli nach Srebrenica. Dort sehen Sie eine Menge vergessener Menschen.