Warum Sie aufpassen sollten, wenn Sie künftig Gaddafis Sohn begegnen Hannibal, der Diplomat!

Merz gab es den Libyern schriftlich: «ungerechtfertigt und unnötig» sei die Behandlung von Hannibal Gaddafi in Genf gewesen. Urteilen Sie selbst.

  • Publiziert: 27.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Henry Habegger
play Saufen, rasen, prügeln: Diktatoren-Sohn Hannibal Gaddafi. (Keystone)

Er ist der Urspung der Libyen-Affäre, die im Kniefall des Bundespräsidenten in Tripolis ihren bisherigen Höhepunkt fand. Hannibal Gaddafi (33). Die Genfer Polizei soll den Diktatoren-Sohn «eine ungerechtfertigte und unnötige» Behandlung verabreicht haben.

Wirklich?
Sicher ist: Alkohol, Schusswaffen, Gewaltexzesse und Schlägereien mit der Polizei sind ständige Begleiter von Hannibal Gaddafi.

August 2001, Rom
Nach einer Sauftour in der Via Veneto kehrt Hannibal Gaddafi spät-abends betrunken ins «Hilton» zurück. Mit zwei Bodyguards im Schlepptau greift er einen Polizisten an, der den Korridor vor Hannibals Gemächern zu dessen Sicherheit überwacht. Zwei weitere Polizisten werden zur Verstärkung gerufen, Gaddafi bewirft die Sicherheitsleute mit Flaschen und leert anschliessend einen Feuerlöscher in ihre Richtung. In der Rauferei erleiden Gaddafis Bodyguards Kratzer, die Beamten dagegen werden so erheblich verletzt, dass sie in Spitalpflege gebracht werden müssen. Den folgenden Tag verbringt Gaddafi eingebunkert im Hotelzimmer, am Abend reist er ab. Folgen hat der Zwischenfall für ihn keine.

September 2004, Paris
Um zwei Uhr morgens rast er betrunken mit seinem Porsche mit 140 km/h durch Paris, überfährt Rotlichter, prescht auf der falschen Strassenseite durch die Champs-Élysées. Dann stellt ihn eine Polizeipatrouille. Gaddafi tobt, riecht nach Alkohol. Die Polizisten wollen ihm Handschellen anlegen, da kommen in anderen Autos sechs Leibwächter Gaddafis angerauscht. Es kommt zur Schlägerei, ein Polizist wird verletzt. Dank seinem Diplomatenpass und seinem grossen Namen kommt Hannibal ungeschoren davon. Aber die libysche Botschaft bedauert den Zwischenfall.

Februar 2005, Paris
Am Abend streitet sich Gaddafi im Hotel heftig mit seiner damaligen Freundin (und heutigen Frau) Aline, einem Model. Er verlässt das Hotel und kehrt gegen 2 Uhr betrunken wieder zurück. Er klopft an die Zimmertür seiner hochschwangeren Freundin, doch die lässt ihn nicht ins Zimmer. Er tritt die Tür ein, ohrfeigt seine Freundin, sie fällt hin. Der rasende Gaddafi traktiert sie mit Fusstritten. Bis ihn Sicherheitsbeamte überwältigen und ihm seine 9-Millimeter-Pistole abnehmen, die er im Hosenbund stecken hat. Trotzdem wird Hannibal nicht verhaftet, er verlässt das Land. Aline soll damals sogar Klage gegen ihn eingereicht haben.

Hannibal wechselt noch in der gleichen Nacht in ein anderes Hotel, doch wenig später wird auch dort die Polizei gerufen: Er warf mit Mobiliar um sich. Dank der Intervention von libyschen Beamten konnte Hannibal die Sache unter den Teppich kehren. Im Mai 2005 verurteilt ihn ein Pariser Gericht in Abwesenheit zu vier Monaten Gefängnis bedingt und 500 Euro Busse wegen Körperverletzung und unerlaubten Waffentragens.

Juni 2005, Djerba, Tunesien
In einer Bar bricht Hannibal einem französischen Touristen mehrere Rippen. Der hatte den grölenden Diktatorsohn gebeten, etwas weniger Lärm zu machen, da am Grossbildschirm gerade ein Fussballspiel mit der französischen Nationalmannschaft lief.

August 2007, Nizza, Frankreich
Hannibal taucht im Dunstkreis eines internationalen Callgirl-Rings auf, der in Nizza zerschlagen wird. Der Drahtzieher und Callgirls sagen aus, dass Gaddafi während des Festivals in Cannes Edelprostituierte auf einer Yacht und in einer Villa in der Gegend empfangen habe.

Und dann der Zwischenfall in Genf

Donnerstag, 12. Juli 2008
Hannibal Gaddafi und seine Frau Aline wohnen seit einigen Tagen im Hotel Président Wilson. Eine ihrer Hausangestellten nützt eine Abwesenheit der Gaddafis, und wählt die Notrufnummer. Sie und ein Angestellter erzählen der Polizei, dass sie von den Gaddafis misshandelt, mit Gürteln und Faustschlägen traktiert und wie Sklaven gehalten werden. Leibwächter hindern sie daran, das Zimmer zu verlassen. Sie erzählen der Polizei auch, dass Hannibal jeden Abend ausgeht, betrunken zurückkommt und sich heftig mit seiner Frau streitet.

Drei Tage später stellt die Genfer Justiz Vorführbefehle gegen das Ehepaar aus. Das EDA in Bern hatte den Genfern zuvor auf Anfrage mitgeteilt, dass Gaddafi keinen Diplomatenstatus habe. Wegen der politischen Brisanz mahnte das EDA aber zu vorsichtigem Vorgehen. Angesichts der schlagkräftigen Vorgeschichte Gaddafis und weil sie nicht wissen, ob die acht Leibwächter bewaffnet sind, schicken die Genfer ihre Sondereinheit, um das Ehepaar zur Befragung abzuholen.

Bevor sie zum «Angriff» übergehen, redet ein Polizeiinspektor im Hotelkorridor über eine Stunde lang mit herbeigerufenen libyschen Diplomaten. Aber die wagen es nicht, an die Tür der «Crown Suite» zu klopfen, geschweige denn den Sohn des Revolutionsführers zu wecken. So greift die Sondereinheit zu, führt Hannibal in Handschellen ab. Seine hochschwangere Frau wird ins Spital gebracht. Zwei Tage später werden die beiden auf Kaution freigelassen. Hannibal wird später sagen, dass er sich «erniedrigt gefühlt» habe.

Hannibals Opfer leben an einem geheimgehaltenen Ort in der Schweiz, wie ihr Anwalt gestern in der «Rundschau» sagte. Sie verstecken sich aus gutem Grund: der Bruder des Mannes ist in Libyen seit der Anzeige spurlos verschwunden.

Hannibal Gaddafi

Hannibal (eigentlich: Motassim Bilal) Gaddafi (33) ist das fünfte von acht Kindern des libyschen Revolutionsführers. Sein Beruf wird meistens mit «Marine-Offizier» angegeben. In Wahrheit kümmert er sich — wie seine Geschwister — um Geschäfte unter dem Schutz seines allmächtigen Vaters. Für ausländische Firmen sind Verbindungen zu einem der Diktatoren-Kinder meist die einzige Möglichkeit, mit dem Familien-Clan ins Geschäft zu kommen.