Gerhard Pfister will CVP-Präsident werden «Unsere Gesellschaft muss wieder Grenzen setzen!»

Wegen des konservativen Zeitgeists sei seine Kandidatur möglich, sagt Gerhard Pfister. Der Aspirant fürs CVP-Präsidium will die Wähleranteile der Partei stabilisieren und sein Temperament in den Griff bekommen.

Überlebte das Attentat von Zug: Gerhard Pfister. play

Überlebte das Attentat von Zug: Gerhard Pfister.

Sabine Wunderlin

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Herr Pfister, noch vor kurzem sagten Sie, niemand wolle Sie als Parteichef; Sie stünden zu weit rechts. Nun haben Sie gute Chancen, CVP-Präsident zu werden. Was hat sich verändert?

Gerhard Pfister: Ich glaube, zwölf Jahre nach der Abwahl von Bundesrätin Ruth Metzler durch Christoph Blocher hat die CVP ihr Trauma überwunden. Früher machte man sich sofort unmöglich, wenn man einen Vorschlag der SVP guthiess. Heute ist das kein Problem mehr. Diese Entkrampfung macht meine Kandidatur überhaupt erst möglich.

Dann ist es dem Rechtsrutsch zu verdanken, dass Sie antreten?

Ja, der Zeitgeist ist heute konservativer als vor einigen Jahren. Davon profitiere ich sicher.

Trimmen Sie die Partei auf Rechtskurs, wenn Sie gewählt werden?

Nein, als Präsident hätte ich die Aufgabe, die Interessen der gesamten Partei zu vertreten – mit meinen eigenen Überzeugungen müsste ich etwas zurückstecken. Die CVP ist im Moment gar nicht so schlecht unterwegs.

Wie bitte? Sie verliert doch Wahl um Wahl!

Wir haben zwar immer weniger Wähler. Unser Einfluss in Bern ist aber ungebrochen hoch.

Was denken Sie: Warum wird die CVP immer kleiner?

Die CVP ist die letzte Milieupartei des Landes. 90 Prozent unserer Wähler sind 168 Jahre nach Gründung der Partei immer noch katholisch. Es ist doch ironisch: In unseren Stammlanden wählen ehemalige CVP-Sympathisanten mit der SVP eine Partei, die vom Sohn eines protestantischen Pfarrers geführt wird – weil sie die Ideen dieser Partei richtig finden. Mein Anspruch als Parteipräsident wäre es, diesen Wandel endlich auch bei der CVP zu vollziehen. Wir müssen zur Ideen-Partei werden.

Was ist das Problem? Dass diese Ideen fehlen oder das «C» im Parteinamen?

Das C ist überhaupt kein Problem, im Gegenteil. Dank unserer Geschichte als christliche Partei können wir in der dringend nötigen Wertedebatte eine führende Rolle einnehmen.

Von welchen Werten reden Sie?

Schauen Sie, wie ratlos die Politik auf die Ereignisse in Köln reagiert! Nach dem Mauerfall 1989 hat der Westen so getan, als sei die Freiheit nur eine wirtschaftliche. Dabei gehören zu den abendländischen Werten eben auch Menschenwürde, Gleichberechtigung und – vor allem – die Verbindlichkeit.

Wie meinen Sie das?

Unsere Gesellschaft muss wieder Grenzen setzen, wo das nötig ist.

Wo zum Beispiel?

Wenn Migranten nicht verstehen, dass eine Frau gleich viel wert ist wie ein Mann. Ich würde nie so weit gehen wie Ihr Kolumnist Frank A. Meyer. Für ihn ist der Islam eine totalitäre Religion, die Frauen unterdrückt. Aber es ist klar: Den Muslimen muss klargemacht werden, dass Frauen gleichberechtigt sind.

Die katholische Kirche ist betreffend Gleichberechtigung aber auch nicht gerade ein leuchtendes Vorbild!

Ich verteidige die katholische Kirche nicht. Es gibt aber Unterschiede. Unsere Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt.

Ihre deutsche Parteikollegin Angela Merkel propagiert eine Willkommenskultur für Flüchtlinge. Sind Sie mit ihr einverstanden?

Ja, sie hat recht. Aber wir praktizieren das in der Schweiz. Unsere Flüchtlingspolitik ist human.

Sie haben alle Gesetzesverschärfungen unterstützt.

Weil sie richtig waren. Die Schweiz darf nicht attraktiver sein als andere Länder. Fakt ist: Wir geben uns alle Mühe. Unsere Verfahren sind fair und rechtsstaatlich korrekt. Wir sorgen für eine menschenwürdige Aufnahme.

Sie wollen die CVP zur Ideen-Partei machen. Mit welchen Ideen?

In den letzten Jahren hat man vergessen, dass soziale Marktwirtschaft nicht heisst: Eigenverantwortung abbauen. Die Entwicklung hin zu mehr Regulierung und Etatismus ist schlecht.

Tönt nicht sehr kreativ. Die Marktwirtschaft ist doch unbestritten!

Nein. Wir haben immer weniger Eigenverantwortung, dafür mehr Regulierung und Etatismus.

Statt solch schwammiger Parolen: Wäre es nicht wichtiger, die Kräfte der Mitte zu bündeln und die Fusionsgespräche mit der BDP wieder aufzunehmen?

Ich war Befürworter einer Fusion. Heute bin ich es nicht mehr. Der Ball liegt bei der BDP. Sie entschied sich, selbständig zu bleiben. Sie wird jetzt erleben, wie das ist, ohne Bundesrätin, als Vier-Prozent-Partei. Sie müsste wieder auf uns zukommen.

Welches Potenzial sehen Sie für die CVP?

Wenn es mir als Präsident gelingen würde, die Wähleranteile zu stabilisieren, den Niedergang zu stoppen, wäre das ein Erfolg. Langfristig muss sich die Partei aber höhere Ziele setzen. Ich bin Anhänger der Konkordanz. Den drei grössten Parteien stehen zwei Bundesratssitze zu. Wenn auch wir wieder mit zwei Sitzen in der Regierung vertreten sein wollen, müssen wir aufs Podest, die SP oder FDP überholen.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie sehr aufbrausend sein können, auch Parteikollegen fühlten sich schon von Ihnen verletzt.

Diese Kritik ist berechtigt. Ich bin verbal manchmal kämpferisch. Als Parteichef müsste ich mich sicher in gewissen Momenten zügeln.

Sie überlebten das Attentat in Zug. Erleben Sie Anschläge wie in Paris deshalb anders?

Definitiv. Und das ärgert mich. Ich lasse mich von den Attentätern mehr beeindrucken, als mir lieb ist. Ich finde es bewundernswert, wenn Leute nach einem Attentat sagen: Wir lassen uns die Freiheit nicht nehmen, wir lassen uns nicht einschüchtern. Ich brauche jeweils ein paar Tage länger, bis ich wieder an dem Punkt bin.

Sie haben keine Kinder. Ein bewusster Entscheid?

Nein. Das hat sich so ergeben – ich hätte gerne Kinder gehabt.

Welche Rolle spielte die Tatsache, dass Ihre Mutter früh starb?

Ich war acht, als meine Mutter an Leukämie starb. Neurosen habe ich deswegen keine entwickelt. Es machte mich wohl früher selbständig.

Publiziert am 10.01.2016 | Aktualisiert am 10.01.2016
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16 Kommentare
  • Herbert  Staub , via Facebook 11.01.2016
    Farbenwechsel bei der CVP. Das Schwarze geht ins Braune über. Damit hat diese Partei noch weniger Jesus zu tun
  • Steven  Christen aus Basel
    11.01.2016
    Es wäre ein guter Präsident - ein sehr guter Präsident... Er ist realistisch und geht mit der Zeit! Zudem steht er Herr Blocher näher als Herr Darbelait, der im dunkeln Kämmerchen krume Pläne geschmiedet hat gegen eine Wiederwahl von Herrn Blocher.
  • franzl  schlecknbaur 11.01.2016
    Es ist nicht wichtig was gesagt wird, sondern was getan wird!
  • Rodolfo  Giavelottino 11.01.2016
    Pfister ist intelligent genug, sich und seine Partei von der SVP auf Distanz zu halten. Die CVP wird unter ihm einen gewaltigen Aufschwung erleben, zu wessen Lasten wird sich noch weisen. Tendenziell wird es die SP treffen, denn die Ereignisse in Europa werden vom Volk ganz klar dem "S" im Parteinamen angelastet. Man hat schlicht und einfach genug vom "Sozialisieren" um jeden Preis, man hat genug vom Integrationswahn und von der Kuscheljustiz. Genossen, ihr bekommt ein Problem!
    • Edi  Rey aus Romanshorn
      11.01.2016
      Tendenziell wird es wohl Die SP treffen. Warum? Vielleicht wandern ja die Linkskatholiken und die CVP Frauen gerade zur SP.
  • Guerino  Dal Santo , via Facebook 11.01.2016
    Wenn man dieses Interview genau liest, ist auch Pfister ein Politiker, der viel redet, aber inhaltlich nichts sagt und die besten Voraussetzungen für eine Windfahne mitbringt wie sein Vorgänger.
    • Renato  Wyss aus Wallisellen
      11.01.2016
      Das ist die Kunst des Politisieren, viel reden nichts aussagen!