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Ex-Tagesschau-Chef Erich Gysling (73) ist ein profunder Kenner der arabischen Welt. Mit grosser Besorgnis verfolgt er den Abstimmungskampf um die Anti-Minarett-Initiative. Er hält das provokative Burka-Plakat für einen grossen Fehler. Warum, erklärt er im Blick.ch-Interview.
Was empfindet ein Muslim, wenn er das neuste SVP-Plakat sieht?
Erich Gysling: Er wird sich beleidigt fühlen. Gleichgestellt mit einer erzkonservativen Muslimin in einer Burka, wie sie nur noch in wenigen Ländern – etwa Jemen oder Afghanistan – in Gebrauch ist. Er wird es als ungerecht empfinden, dass Muslime eine Bedrohung für die westliche Welt darstellen sollen. Wie würden denn zu Raketen entfremdete Kirchentürme auf gläubige Christen wirken?
Dann muss sich die Schweiz also auf harsche Reaktionen gefasst machen.
Ja, ich befürchte es. Gerade wer uns übel will, wird diese Steilvorlage bestimmt ausnutzen. Ich denke da vor allem an Libyens Machthaber Gaddafi. Er wird auf das Plakat zeigen und sagen: Seht her, so funktioniert die Schweizer Mentalität, alle Schweizer sind islamfeindlich. Er wird bestimmt nicht differenzieren, dass die Anti-Minarett-Initiative nur von einer grossen Partei getragen wird.
Müssen wir uns also auf brennende Schweizer Flaggen und brennende Schweizer Botschaften in der arabischen Welt gefasst machen – wie die Dänen nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen?
Ich will nicht den Teufel an die Wand malen, aber ausgeschlossen ist das nicht. Gerade wenn der Abstimmungskampf richtig anläuft, werden Korrespondenten und Botschafter aus der islamischen Welt die Vorgänge aus der Schweiz in ihre Heimat melden. Spurlos wird das nicht an den Muslimen vorbeigehen – auch wenn der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen eine grössere Dimension hatte.
Inwiefern?
Sich über den Propheten oder den Koran lustig zu machen, sind die ganz grossen Sakrilege in den Augen der Muslime. Davor sind die Minarett-Gegner zurückgeschreckt. Dennoch empfinde ich das aktuelle Plakat als die krasseste Provokation in einer langen Reihe von SVP-Provokationen. Es geht auch viel weiter als der «Daham statt Islam»-Slogan, mit dem vor drei Jahren die die FPÖ in Österreich für Wirbel sorgte.
Muss Bundespräsident Merz bald zu einer weiteren Entschuldigungstour aufbrechen – diesmal nach Annan, Kairo oder Riad?
(Lacht.) Nein, so schlimm wird es schon nicht werden. Kein anderer Staat ausser Libyen ist so extrem, dass er für eine solche Angelegenheit vom Schweizer Bundespräsidenten eine Entschuldigung einfordert. Die anderen Länder können auch differenzieren, sie wissen, dass das Plakat und das Verbot der Minarette keine offizielle Schweizer Haltung ist.
Wissen die Initianten, dass sie mit dem Feuer spielen?
Ach, diesen Leuten ist doch genau bewusst, welche Reaktionen sie provozieren. Wenn es zum Eklat kommt, dürfen sie sich bestimmt nicht hinter einer vorgetäuschten Naivität verstecken. Wenigstens ist die SVP in dieser Frage gespalten: Exponenten wie der Zürcher Regierungsratskandidat Ernst Stocker sprechen sich ja gegen die Initiative aus.
Was bedeutet die Kampagne für das Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Schweiz?
Es handelt sich mehr um ein gewaltloses Nebeneinander als um ein Miteinander. Ausser in der Schule unter den Kindern findet kaum ein Austausch statt. Dementsprechend wird die Plakat-Kampagne kaum eine grosse Auswirkung haben: Das Plakat in seiner wahnsinnigen Primitivität wird keine Überzeugungskraft auf Menschen haben, die nicht sowieso schon ein islamfeindliches Weltbild haben.
Die Plakate der Anti-Minarett-Initiative: Schaden sie der Schweiz? Soll man sie verbieten oder zulassen? Was finden Sie?
Erich Gysling warnt vor den Folgen der Kampage der Minarett-Gegner in der arabischen Welt.