Was ist hier falsch? Filippo Leutenegger demonstriert gegen AKWs

  • Publiziert: 27.05.2010, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Simon Hehli

NIEDERGÖSGEN SO – 5000 Menschen protestierten am Montag in Gösgen gegen neue AKWs. Ein Mann fehlte: FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger. Der Anti-AKW-Kämpfer von einst ist zum Atom-Lobbyisten geworden.

Ein Hauch von Flower Power wehte am Montag durch Mülidorf: In dem Solothurner Weiler nahe des Atomkraftwerks Gösgen trafen sich 5000 Umweltbewegte. Mit ihrem Pfingstmarsch protestierten sie gegen den Neubau von AKWs – wenige Tage, nachdem der Stromriese Axpo einen solchen vehement gefordert hatte.

Greenpeace-Mann Leo Scherrer sieht die gestrige Kundgebung als Beginn einer «neuen Anti-AKW-Bewegung». 35 Jahre ist es her, dass Umweltschützer das Gelände des geplanten AKW Kaiseraugst besetzten – und mit ihrem Widerstand das Projekt letztlich zum Scheitern brachten. Auch am Montag waren einige der Veteranen aus den 70er-Jahren wieder mit dabei.

Leutenegger hat Frieden gemacht mit den AKWs

Einer allerdings fehlte. Ein 68er, der durch die Institutionen marschierte, bis er am rechten FDP-Flügel anlangte: Nationalrat Filippo Leutenegger. Fotos vom Juli 1977 zeigen ihn als 25-jährigen Beau mit weit offenem Hemd an einer Demo in Gösgen. Am Mikrofon rief er die Polizei damals zur Gewaltlosigkeit auf.

Für den Revoluzzer von einst sind die Kühltürme von Gösgen kein rotes Tuch mehr. In den letzten Jahren verwischte er gegenüber verschiedenen Medien seine einst klare Ablehnung neuer AKWs. Im Gespräch mit Blick.ch macht er nun klar: Es braucht nach seiner Meinung neue Atommeiler. «Das ist mir zwar immer noch nicht sympathisch. Aber es bleibt uns nicht anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen.»

Atomgegner in der «Sackgasse»

Die Konstellation habe sich im Vergleich zu 1977 grundlegend geändert. «Dadurch, dass die CO2-Problematik wegen des Klimawandels ein solches Gewicht bekommen hat, hat sich die grüne Bewegung in eine Sackgasse manövriert», betont der 57-Jährige. Denn Gaskombikraftwerke seien wegen der hohen CO2-Emissionen kein Thema mehr.

Und auch die erneuerbaren Energien genügten nicht, um die ab 2015 drohende Versorgungslücken zu schliessen. «Wer dies trotzdem behauptet, ist ein Träumer», kanzelt Leutenegger linksgrüne Energieexperten wie SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner ab.

Dass er jetzt mit neuen AKWs leben könnte, hängt für den einstigen «Arena»-Dompteur auch mit wissenschaftlichen Fortschritten seit 1977 zusammen: So sei die Entsorgungsproblematik des Atommülls kleiner geworden. Doch er vergisst auch nicht zu mahnen, dass es nicht reiche, weiterhin auf Atomstrom zu setzen. «Wir müssen auch im Bereich der Energieeffizienz grosse Anstrengungen unternehmen, insbesondere bei den fossilen Brennstoffen.»

Leutenegger macht gegen schärferes CO2-Gesetz mobil

Am kommenden Montag diskutiert der Nationalrat über eine Verschärfung des CO2-Gesetzes. In einem Positionspapier macht die FDP heute schon mal klar, dass sie dazu Nein sagen wird. Marktwirtschaft und Freiheit sei der Vorzug vor staatlicher Lenkung zu geben, rief Filippo Leutenegger das liberale Credo in Erinnerung. Die «ökologische Modernisierung» von Wirtschaft und Gesellschaft werde nur dann gelingen, wenn sie sich im Wettbewerb beweise und den marktwirtschaftlichen Regeln gehorche, erklärte der Alt-68er. Die FDP unterstütze das «ehrgeizige» Reduktionsziel von 20 Prozent bis 2020. Bis 2040 solle der CO2-Ausstoss mit Massnahmen im In- und Ausland gar um 30 Prozent gesenkt werden. Dieses Ziel möchte die FDP vor allem mit einer deutlichen Steigerung der Energieeffizienz von Altbauten erreichen. (SDA/hhs)