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Ein Hauch von Flower Power wehte am Montag durch Mülidorf: In dem Solothurner Weiler nahe des Atomkraftwerks Gösgen trafen sich 5000 Umweltbewegte. Mit ihrem Pfingstmarsch protestierten sie gegen den Neubau von AKWs – wenige Tage, nachdem der Stromriese Axpo einen solchen vehement gefordert hatte.
Greenpeace-Mann Leo Scherrer sieht die gestrige Kundgebung als Beginn einer «neuen Anti-AKW-Bewegung». 35 Jahre ist es her, dass Umweltschützer das Gelände des geplanten AKW Kaiseraugst besetzten – und mit ihrem Widerstand das Projekt letztlich zum Scheitern brachten. Auch am Montag waren einige der Veteranen aus den 70er-Jahren wieder mit dabei.
Einer allerdings fehlte. Ein 68er, der durch die Institutionen marschierte, bis er am rechten FDP-Flügel anlangte: Nationalrat Filippo Leutenegger. Fotos vom Juli 1977 zeigen ihn als 25-jährigen Beau mit weit offenem Hemd an einer Demo in Gösgen. Am Mikrofon rief er die Polizei damals zur Gewaltlosigkeit auf.
Für den Revoluzzer von einst sind die Kühltürme von Gösgen kein rotes Tuch mehr. In den letzten Jahren verwischte er gegenüber verschiedenen Medien seine einst klare Ablehnung neuer AKWs. Im Gespräch mit Blick.ch macht er nun klar: Es braucht nach seiner Meinung neue Atommeiler. «Das ist mir zwar immer noch nicht sympathisch. Aber es bleibt uns nicht anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen.»
Die Konstellation habe sich im Vergleich zu 1977 grundlegend geändert. «Dadurch, dass die CO2-Problematik wegen des Klimawandels ein solches Gewicht bekommen hat, hat sich die grüne Bewegung in eine Sackgasse manövriert», betont der 57-Jährige. Denn Gaskombikraftwerke seien wegen der hohen CO2-Emissionen kein Thema mehr.
Und auch die erneuerbaren Energien genügten nicht, um die ab 2015 drohende Versorgungslücken zu schliessen. «Wer dies trotzdem behauptet, ist ein Träumer», kanzelt Leutenegger linksgrüne Energieexperten wie SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner ab.
Dass er jetzt mit neuen AKWs leben könnte, hängt für den einstigen «Arena»-Dompteur auch mit wissenschaftlichen Fortschritten seit 1977 zusammen: So sei die Entsorgungsproblematik des Atommülls kleiner geworden. Doch er vergisst auch nicht zu mahnen, dass es nicht reiche, weiterhin auf Atomstrom zu setzen. «Wir müssen auch im Bereich der Energieeffizienz grosse Anstrengungen unternehmen, insbesondere bei den fossilen Brennstoffen.»