37. Internationalen Parlamentarierturnier FC Nationalrat vor – noch ein Tor!

  • Publiziert: 30.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Ursula von Arx

Trotz Steinbrück und Steuerstreit trafen sich Schweizer und deutsche Parlamentarier auf dem Fussballfeld der Ehre.Verletzte gab es auch bei höchstem Einsatz keine

Die stehen jetzt da wie an einen Pflanzstock gebunden. Gestern noch setzte der FC Nationalrat auf die verbindende Kraft des Alkohols. Schon auf der Fahrt kitzelten Bierchen und kühler Weisser die Nerven der Abgeordneten. «Steinbrück, wir kommen!», riefen sie und «Steinbrück, musst mit uns rechnen!» Sie prosteten sich zu, unterstützt vom Chauffeur, der in jedem Tunnel und bei jeder sonstigen Gelegenheit das Postauto hornen liess. Tü-ta-to. Tü-ta-to. Tü-ta-to.

Es war ein lustiger Einfall der Schweizer in Schwäbisch Hall, dieser malerisch gelegenen 36 000-Seelen-Stadt, zu Baden-Württemberg gehörig und 853 Jahre alt. Mit Geschichte gesättigt ist jeder Flecken Erde hier. Ein Schauplatz, gerade richtig für das 37. Internationale Parlamentarierturnier.

Jetzt stellen sich die Schweizer zum Eröffnungsspiel gegen Deutschland auf, Schulter an Schulter, in einer Reihe mit dem nördlichen Nachbarn. Und auch wenn allen klar ist, dass an diesem milchigen Freitagmorgen nicht einmal eine Fussnote der Geschichte geschrieben wird: Die vergangenen Monate des medialen Schlagabtausches zwischen Deutschland und der Schweiz sind doch sehr präsent.

Verteidigen wollte Bundesrat Merz das Bankgeheimnis vor einem Jahr noch mit Zähnen und Klauen. Inzwischen ist es gefallen, der Schweiz fiel auf dem internationalen Parkett nichts anderes ein, als den Schwanz einzuziehen, sie liess sich durch eine graue Liste demütigen. Und dann knallte Steinbrück auch noch mit der Peitsche. Und verglich uns mit Indianern. Höchste Zeit für einen Gegenangriff.

«Denkt an Peer!», feuert Jack Baumann von der Zuschauerbank aus seine Mannschaft an, der ehemalige Schiedsrichter und Reisebegleiter des FC Nationalrat. Die Schweizer füllen jetzt ihre Lungen mit Luft, um die Nationalhymne mitzusingen, die in diesem Augenblick aus dem Lautsprecher über das Haller Hagenbachstadion schwingen sollte.Aber nichts da. Wieder einmal wurde die Schweiz mit Schweden verwechselt. Hannes Germann, SVP-Ständerat aus Schaffhausen, wird später klagen, das sei ein zu tiefer Stich in sein SVP-Herz gewesen.

Anpfiff. Schnell wird klar: Weder die Schweizer noch die Deutschen wollen heute Fussball als Gedicht verstehen. Athletische Grazie ist bei Amateuren ja ohnehin selten. Aber die Kombination mit dieser geballten Entschlossenheit, die den Pässen jeden Ansatz von Eleganz oder Feinsinnigkeit raubt, diese Kombination ist aussergewöhnlich. Antizipation? Stellungsspiel? Spielverständnis? «Wollen wir doch den Mantel des Schweigens über die Qualität dieses Spiels breiten», sagt der Sportreporter des «Haller Tagblatts».

Doch der hat schon zu viel gesehen, dem ist gewissermassen von Berufs wegen der Blick auf das Grossartige dieses Spiels verwehrt, darauf nämlich, wie sehr die simple Transpiration hier in pure Transzendenz übergeht. Fussball sei Jagdersatz, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk, die Antwort auf «die Frage, was man mit Jägern macht, die keiner mehr braucht».

Und tatsächlich, in Schwäbisch Hall rennen heute Männer bis zur Erschöpfung, obwohl längst keiner mehr den Traum von einer grossen fussballerischen Zukunft träumen könnte. Es sind Männer mit gepolsterter Lebenserfahrung, die ihre Beine und Bäuche fliegen lassen, als ginge es um Sein oder Nichtsein. Nationalrat Alfred Heer zum Beispiel, Zürcher SVP: Wie ein Hofhund schlägt er an, wenn ein Gegner in die Nähe kommt.

Oder Lieni Füglistaller, SVP Aargau: Glitt eben durch die Lüfte wie ein Federball, er, der im normalen Leben über «zu viele Kilos auf den Rippen» klagt. Und der als gemässigt geltende Hannes Germann fällt ein ums andere Mal auf die Nase, brüllt ein selbstreinigendes «du Sau» über den Platz und ist, schwups, wieder auf den Beinen.

Doch all das ist nur Spiel. Das eigentliche Drama ereignet sich unter den Zuschauern. Die Gesichter in der Schweizer Kurve heissen Verzweiflung, Wut und Frustration. Immer wieder wird der FC Nationalrat mit «Steinbrück! Denkt an Steinbrück!» aufgeputscht. Neben Jack Baumann steht alt Ständerat Kurt Schüle, auch er ein treuer Fan. Die beiden zusammen, das tönt so: «Gopfertori, so ne Chance!» – «Das isch der Roger, wo das verhaue hät. Gopfertori.» – «Probier doch jetzt emol z schiesse, du döt!» – «Gopfertoori!» – «Gopfertori! Nimm ne vore. Nimm ne vore! Vooreeeee!» – «Ja, ja. Leg de Turbo ine. Turbo! Christian. Christiaaan!» – «Jaaa!» – «Goooooool!» – «Gopfertori. Lueg au nume. Es Gool!» Christian Wasserfallen, die 27-jährige FDP-Hoffnung aus Bern, hat es geschossen,
das 1 : 0.

Ein enttäuschtes Raunen geht jetzt durch die oberen Zuschauerreihen, da, wo in einem Meer von Deutschlandfähnchen die Ehefrauen der deutschen Spieler und die Mitarbeiterinnen aus ihren Abgeordnetenbüros sitzen. Und wie von selbst arrangieren sich wohl in diesem Moment in Captain Toni Bortoluzzis Kopf die ersten Worte zu einer möglichen Siegesrede: Er wird dem Bundesfinanzminister ausrichten lassen, dass die aus der (Steuer-)Oase Kommenden nicht so leicht kleinzukriegen seien, im Fall. Und dass er, Steinbrück, langsam aufpassen müsse, dass er in seinem Ehrgeiz, ganz Europa in eine (Steuer-)Wüste zu verwandeln, nicht selber in die Wüste geschickt werde.

Doch noch ist es zu früh für solche Sätze, der Kampf der Nationen hat auch die deutschen Angehörigen erfasst: «Deutschland vor, schiesst ein Tor!», skandieren sie bald wieder.

Die Initiative zu diesen Spielen soll ursprünglich von den Finnen ausgegangen sein, die nach dem Zweiten Weltkrieg leichtfüssigen Kontakt gesucht hätten zu mitteleuropäischen Staaten. Wenn man sich später im Kellergewölbe des Schlosses von Stetten umschaut, wo die Parlamentarier aller vier Länder sich zum gemeinsamen Abendessen einfinden, dann muss man sagen: Die Absicht ist sehr begrenzt eingelöst. Da setzen sich die Österreicher an einen Tisch und die Finnen an einen anderen und die Deutschen wieder an einen anderen, und auch die Schweizer bleiben meist unter sich.

Wirklich zu stören scheint das niemanden, auch diejenigen Bundestagsabgeordneten nicht, die laut räsonieren, dass man, um dem Sinn und Zweck des Anlasses gerecht zu werden, die Mannschaften nach Nationen mischen und durch das Los zusammenstellen sollte. Denn das waren natürlich die Ideen der künftigen Verlierer. Nach zwei Tagen werden die Finnen das Turnier für sich entschieden haben, vor den Schweizern auf Rang zwei und den Deutschen als Dritten. Captain Toni Bortoluzzi wird seine Siegesrede gegen SPD-Finanzminister Peer Steinbrück halten – und beim CDU-dominierten FC Bundestag dafür tosenden Applaus ernten.

Auf Schloss Stetten trinken inzwischen alle aus Gläsern mit dem Konterfei des Gastgebers, des Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten, ein halber Schweizer übrigens und zum Mister Bundestag erkoren. Andy Tschümperlin, SP Schwyz, fragt Christian Wasserfallen, ob er Töff fahre. Dieser sagt, Vespa, das genüge, alles andere sei ihm zu gefährlich. Tschümperlin nickt. Dann reden sie über Ferien. Wasserfallen: «Ich gehe auf die Azoren, da war ich noch nie.» Tschümperlin: «Ich bin mehr der Ums-Huus-ume-Typ.» «Ah», sagt Wasserfallen. So also amüsieren sich unsere Parlamentarier auch ohne Ball.

Zurück ins Hagenbachstadion. «Toni, geh doch wieder mal rein», sagt Roger Hegi, Trainer des FC Nationalrat. Und Toni Bortoluzzi macht das, gelassen wie ein Seebär. Schnauft, schnaubt, doch selbst in dieser Situation scheint er für seine Gemütlichkeit zu arbeiten.

Und ja, am Schluss reicht es. Die Schweiz besiegt die deutschen Parlamentarier 2 : 1. Und entkräftet damit ein bisschen das Klischee der angriffsscheuen Schweiz, das bis auf Napoleon zurückgeht, der nach der Schlacht an
der Beresina seinen Generälen Folgendes zu bedenken gegeben haben soll: «Messieurs, greifen Sie mit den Schweizern niemals an – sie sind geborene Verteidiger.»