Frank A. Meyer Zum 2. August

  • Publiziert: 01.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

Der neue Peer Steinbrück heisst Giulio Tremonti. Wie der deutsche Finanzminister will der italienische Finanzminister das Steuergeld zurück, das seinem Staat mit tätiger Hilfe der Banken – in diesem Fall Tessiner Banken – entwendet wurde.

Auf rund 600 Milliarden Euro schätzt Tremonti, Mitglied von Berlusconis Partei Popolo della Libertà, die Fluchtgelder im Ausland. Davon vermutet er 60 Prozent, also 360 Milliarden Euro oder fast 550 Milliarden Franken, in der Schweiz. Rom offeriert seinen Steuerflüchtlingen eine Amnestie, wenn sie ihre Vermögen repatriieren.

Auf dem Bankenplatz Lugano ist man über den drohenden Kapitalabfluss, wie der dortige Direktor der Bankiervereinigung verriet, «ernsthaft besorgt».

Das ist wunderbar gesagt: Die Tessiner Banken sind besorgt, dass die Nachbarnation Italien doch tatsächlich auf die Steuermilliarden zugreifen will, die ihr gehören und die bei uns, der befreundeten Schweiz, lukrativ verwaltet werden.

Die «Neue Zürcher Zeitung», seit jeher publizistische Gralshüterin des Bankgeheimnisses, schreibt von «unterschlagenen Summen». Dieses Diebesgut also, um es noch ein wenig deutlicher zu formulieren, stürzt den Finanzplatz Tessin in seelische Nöte. Allerdings nicht etwa wegen eines Anfalls von schlechtem Gewissen, sondern weil das Diebesgut womöglich an den rechtmässigen Besitzer herausgerückt werden muss!

Das ist fürwahr eine entlarvende Botschaft zum 1. August: Die Schweiz, die sich so gern als gutes Modell für die schlechte Welt betrachtet, wird konfrontiert mit einer Eigenschaft, die sie hartnäckig aus ihrem Selbstbild ausgeblendet hat – mit ihrem harten, kalten Egoismus.

Denn wie anders soll man sich die Plünderung der Staatskassen befreundeter Nationen unter dem Deckmantel des Bankgeheimnisses erklären? Und was sonst verrät die Häme, mit der wir diese befreundeten Nationen bedachten, wenn wir ihnen vom Hochsitz unseres Reichtums rieten, ihre reichen Steuerbetrüger doch einfach mit tieferen Steuern bei der Stange zu halten?

Ja, wir haben uns immer wieder lustig gemacht über die anderen dort draussen, jenseits unserer Grenzen, vor allem im Brüssel-Europa, die einfach nicht wirtschaften können – ganz im Gegensatz zu uns. Dass die Probleme dieser Nationen andere Dimensionen hatten und haben, zumal andere finanzielle Dimensionen, als wir sie kennen: das zu berücksichtigen, kam uns nicht in den Sinn.

Deutschland zum Beispiel integrierte vor 20 Jahren die insolvente DDR, ein Armenhaus, das seither jährliche Transferleistungen von 120 Milliarden Euro erfordert. Hat uns das je interessiert, wenn wir spotteten: «Ihr könnt nicht wirtschaften, darum flüchten die reichen Deutschen mit ihrem Geld zu uns»?

Es ist wahr, dass wir Schweizer uns trefflich aufs Wirtschaften verstehen. Aufs ehrliche Wirtschaften. Mit ehrlichen Produkten. Sogar Weltspitze sind wir mit unserem ehrlichen Gewerbe, zu dem – bei etwas gutem Willen – durchaus auch das Bankgewerbe zählen könnte.

Doch wozu dann die Hehlerei? Wozu das Bankgeheimnis, dieser Honigtopf für fremde Steuerbetrüger? Wozu dessen Verteidigung mit Zähnen und Klauen?

Steueroase wollten wir sein, Steueroase waren wir, Steueroase sind wir. Jetzt aber ziehen wir eine beleidigte Schnute, weil die betrogenen Nationen das böse Wort auszusprechen wagen. Und legen die Stirn in Sorgenfalten, weil die betrogenen Nationen unsere schöne Oase trockenlegen wollen.

Was wäre eine andere, eine befreiende Festtagsbotschaft an die europäischen Nachbarnationen, an die Entwicklungsnationen, an die Staatenwelt überhaupt? Zum Beispiel diese: «Wir haben verstanden. Auf unsere Solidarität könnt ihr ab sofort uneingeschränkt zählen.»

Übrigens, was sind das für Leute, die unser Land nur als Tresor lieben? Die unser Land nur als Fluchtburg für ihr Geld wählen?

Es sind Leute von hartem, kaltem Egoismus.

Vielleicht verstehen wir uns mit ihnen deshalb so gut.









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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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