Frank A. Meyer Zahlmeister Steinbrück

  • Aktualisiert am 19.01.2012

Die Peitsche sollte ein Deutscher nun mal nicht schwingen, schon gar nicht über den Köpfen der Schweizer. Da rebelliert der Republikaner zu Recht.

Hinwiederum ist es unverständlich, dass wir uns betroffen fühlen, wenn man uns als Indianer bezeichnet und mit der Kavallerie bedroht. Im Kino sind die Rothäute doch stets die Guten.

Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück liebt die deftige Sprache. Für den anbrechenden Wahlkampf verspricht er «bleihaltige Luft». Niemand in Deutschland nimmt ihm die krude Wortwahl übel. Die Bürger der Bundesrepublik mögen ihren Peer als unerschrockenen Anblaffer der Wirtschaftsmächtigen, als grimassierenden Garanten gerechter Steuerpolitik – als brillanten Berserker.

Die Schweizer Presse allerdings hat die Peitsche zurückgeschwungen. Für den BLICK ist der Sozialdemokrat ein «Weichei», weil er nicht im Traum daran denkt, zum rhetorischen Duell mit einem Hinterbänkler aus dem Nationalrat anzutreten. Doch gerade diese Verweigerung offenbart Peer Steinbrücks zarte Seite: fürsorgliche Rücksicht.

Nachdem mittlerweile der schweizerischen Psychohygiene Genüge getan ist, darf wieder von der Sache geredet werden. Was aber ist die Sache?

Zum Beispiel die: Deutschland legt ein Konjunkturpaket von 80 Milliarden Euro auf, also 120 Milliarden Schweizer Franken. Es soll verhindern, dass die Realwirtschaft ins Bodenlose stürzt.

Deutschland ist unser wichtigster Wirtschaftspartner. Von der konjunkturellen Stabilität im Steinbrück-Staat hängen Abertausende Schweizer Arbeitsplätze ab, auch Arbeitsplätze von Schweizer Unternehmen in Deutschland.

Deshalb ist das gewaltige deutsche Konjunkturpaket ein Konjunkturpaket auch für die Schweiz. Nur im Schatten dieses finanziellen Kraftakts können wir uns erlauben, ein Paketchen von lediglich 1,6 Milliarden Franken zu schnüren.

Die Europäische Union: «Brüssel», bei uns
ungeliebt wie Peer Steinbrück, mobilisiert 400 Milliarden Euro, also 600 Milliarden Franken, um die Konjunktur zu stützen und vom Bankrott bedrohte Nationen aufzufangen.

Die EU ist sozusagen der «Heimmarkt» für Schweizer Exportgüter. Jeden dritten Franken verdienen wir dort. Doch wie steht es mit unserer Solidarität? Schliessen wir uns, zum Beispiel, der europäischen Hilfsaktion für gefährdete ost-mitteleuropäische Staaten an? Leisten wir, die Reichsten auf dem Kontinent, einen Beitrag zur Hilfe für Nationen, die grosse Bedeutung haben für den Absatz von Schweizer Produkten?

Nichts dergleichen tun wir. Keinen Wank. Wir geniessen die Früchte dessen, was die andern leisten. Kommts gut oder wenigstens nicht allzu schlecht, ist mit den deutschen 120 Milliarden und den europäischen 600 Milliarden auch die schweizerische Exportindustrie gesichert – die schweizerische Wirtschaft ganz generell.

Und was für Europa gilt, gilt auch für die USA: 800 Milliarden Dollar, also nahezu 1000 Milliarden Franken, hat die Regierung Obama als Konjunkturhilfe bereitgestellt. Der Schweizer Export kann auf Amerika nicht verzichten.

Ja, wir sind in diesen arg zerrütteten Zeiten ganz und gar angewiesen auf die Steinbrücks, die mit Staatsgeldern die Wirtschaft reanimieren. Solange dies den Zahlmeistern von Bonn bis Washington einigermassen gelingt, wird auch uns das Schlimmste erspart. Damit rechnen wir. Davon profitieren wir. Im Rechnen und Profitieren sind wir Weltspitze.

Da aber die Zahlmeister jeden Euro und jeden Dollar zusammenkratzen müssen, wollen sie uns ans Bankgeheimnis: Nicht länger sollen die Schweizer Banken Fluchtburgen sein für Steuermilliarden, die sie Nationen entziehen, von denen wir wirtschaftlich leben. Ist das so schwer zu verstehen?

Weil wir so schwer verstehen, sind die Zahlmeister dieser Welt nicht mehr besonders gut auf uns zu sprechen. Manchmal versprechen sie sich sogar. Verstehen wir wenigstens das?

Frank A. Meyer Frank A. Meyer

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