Wendezeit

  • Publiziert: 21.02.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Frank A. Meyer

Im Urteil des Zürcher «Tages-Anzeigers» ist das Bankgeheimnis seit dem 18. Februar «nur noch ein Mythos». Das ist immerhin einiges, lieben wir Eidgenossen unsere Mythen doch über alles, ist uns die Mythen-Liebe sogar mehr als eine nationale Eigenschaft – sie ist uns patriotische Leidenschaft.

So wollen wir denn heimische Mythen bemühen, um das schreckliche Geschehen zu erhellen, das die «Neue Zürcher Zeitung» als «Kapitulation im Steuerstreit mit den USA» verkündete.

Doch welche Mythen passen zum Ernst der Stunde? Die Schlacht bei Sempach auf keinen Fall, auch nicht die am Morgarten, ebenso wenig die Schlacht bei Murten. Da waren überall die Eidgenossen listig-kühne Sieger, die den fremden Herren ganz fürchterlich das Fürchten beibrachten.

Die Niederlage gegen die USA in der Schlacht ums Bankgeheimnis ist dagegen derart desaströs, dass die Schweiz auf die Gnade der Sieger angewiesen ist. Was eine trügerische Hoffnung ist, wie die jüngsten amerikanischen Forderungen deutlich machen.

Aufgrund der absolut desolaten Lage kommt also nur ein einziger Mythos für den historischen Vergleich in Frage: die Schlacht bei Marignano anno 1515. Wie verhält es sich mit der?

Die Eidgenossen von damals, überall in Europa als Krieger, aber auch als Plünderer und Vergewaltiger gefürchtet, wurden durch die Niederlage gegen die Franzosen in der Schlacht um das Herzogtum Mailand jäh aus ihren Grossmachtträumen gerissen. Das militärische Debakel gilt unter Historikern als ursächlich für schweizerische Selbstbescheidung, schliesslich für die Neutralität.

Der Mythos Marignano ist also auf wundersame Weise geeignet als historische Metapher, denn gerade gestern noch träumten die Herren unserer Banken den grössenwahnsinnigen Traum von der Geld-Weltmacht Schweiz. Ihre Söldner zogen plündernd über die Kontinente und machten reiche Beute: Abermilliarden Steuerflucht-Gelder, die sie in Schweizer Safes zu schaffen wussten.

Die Preisgabe des Bankgeheimnisses gegenüber den amerikanischen Steuerbehörden ist das Marignano des Schweizer Finanzplatzes.

Noch ein weiterer Mythos passt trefflich zu dieser schwarzen Stunde: der Mythos des Einsiedlers Niklaus von Flüe. Er gab den machttrunkenen Eidgenossen 1516 – also im Jahr nach Marignano – den weisen Rat: «Zieht den Zaun nicht zu weit.»

Der Rat des Bruder Klaus wäre mit Vorteil auch heute zu beherzigen: Der Finanzplatz Schweiz hat keine Zukunft als Fluchtburg für Gelder, die fremden Staatskassen entzogen werden.

Im Bundeshaus scheint die Weisheit des Bruder Klaus allerdings nicht zu walten. Schon wird gemauert gegen das Ansinnen der EU, das Bankgeheimnis auch für die europäischen Nationen zu lüften: Das komme überhaupt nicht in Frage, tönt es aus den Bundesratszimmern. Die Hybris der Banken scheint zur Hybris des Bundesrats geworden zu sein.

Überhaupt vermittelt die Landesregierung seit Wochen den Eindruck, die Schweiz sei die UBS – und umgekehrt.


Wie vor 500 Jahren nach der Niederlage von Marignano, steht die Schweizerische Eidgenossenschaft nach dem Niedergang der UBS an einem Wendepunkt: Sie muss sich klar werden, wer sie ist, was sie will, was sie kann.

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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