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Was lesen wir da? «Reiche haben es schwer.» Oder: «Bestraft werden heute die Reichen.» Oder: «Das Streben nach Gleichheit mündet in Stagnation und Totalitarismus.» Oder: «Es ist den Gegnern der Freiheit gelungen, ökonomische Gleichheit als Gerechtigkeit zu verkaufen.»
Alarmierende Sätze! Gleichheit droht, sie bedroht die Freiheit, sie bedroht das Gefüge der Gesellschaft.
Bricht jetzt die Zeit der Barrikaden wieder an? Für Freiheit – gegen Gleichheit?
Was hat überhaupt das Teufelswort Gleichheit hier zu suchen? Tummeln sich etwa lauter materiell Gleichgestellte auf den weihnachtlich geschmückten Einkaufsstrassen? Und wenn nicht Gleiche, so doch wenigstens Ähnliche, kurz davor, demnächst Gleiche zu werden?
Ist der Briefträger, der die Glückwünsche zum neuen Jahr in den Briefkasten der Villa steckt, ein Gleicher? Ist die Sekretärin, die dem Banker die Briefe formuliert, eine Gleiche? Ist die Putzfrau, die der Patronne das Penthouse sauber hält, eine Gleiche? Ist der Lehrer, der dem Millionärssohn das Lesen beibringt, ein Gleicher? Ist der Rentner, der dem Hausbesitzer sein letztes Geld für die Miete hinblättert, ein Gleicher? Ist der Beamte, der die Steuererklärung des Unternehmers prüft, ein Gleicher? Ist das Escort-Mädchen, das sich für den durch-
reisenden Geschäftsmann schminkt, eine Gleiche? Ist die Krankenschwester, die den Broker pflegt, eine Gleiche?
Sind die Journalisten, die in der «Neuen Zürcher Zeitung» solche Sätze gegen die Gleichheit schreiben, Gleiche? Sind sie gleich wie die, denen sie mit ihren Sätzen huldigen?
Unbedachte Sätze! Denn Gleichheit kann gar nicht drohen, weil es Gleichheit nirgendwo gibt.
Die Diffamierung der Gleichheit als Gefahr für die Freiheit ist ein demagogischer Kunstgriff. Angewandt wird er gegen ein bisschen mehr materielle Gerechtigkeit für den Postboten, für die Putzfrau, für die Krankenschwester, gegen ein bisschen mehr Lohn, gegen ein bisschen mehr Rente, gegen ein bisschen mehr ökonomische Sicherheit – gegen den gerechten Staat, gegen den Sozialstaat.
Die Wirklichkeit ist nicht gefährliche Gleichheit, sondern alltägliche Ungleichheit, zu besichtigen auf der Strasse und in den Einkaufszentren, bei Gucci und Hermès und Louis Vuitton, bei Denner und Aldi und Volg – Ungleichheit, wohin man schaut.
Nicht das Gespenst Gleichheit bedroht die Freiheit. Nein, bedroht ist das wertvollste Gut der bürgerlichen Gesellschaft durch die real existierende Ungerechtigkeit – schamlos und provozierend inszeniert, nicht nur als Prunk und Protz, auch als ökonomische Macht und Allmacht, die den Kapitalismus in die Krise stürzt: den Kapitalismus der Werte, den Kapitalismus der Gerechtigkeit.
Was für Sätze sind das also, diese Sätze gegen die Gleichheit?
Perfide Sätze. Perverse Sätze. Dumme Sätze.