Frank A. Meyer Unsere Freiheit

  • Aktualisiert am 20.01.2012

DER FILM «The Road to Guantánamo» erzählt die Geschichte von vier englisch-pakistanischen Kids, die in die Wirren des Afghanistan-Krieges 2001/02 geraten. Sie werden zusammen mit Taliban-Kämpfern gefangen genommen und in das amerikanische Lager auf Kuba verbracht.

WAS DIE JUNGEN MENSCHEN dort in zwei Jahren Lager durchmachen, ist unfassbar: psychische und physische Folter, Entwürdigung und Entmenschlichung. Für die amerikanischen Bewacher sind die gefangenen Muslime Tiere, für die Verhörspezialisten sind sie von vornherein schuldig. Wer nicht gesteht, erleidet Torturen – nach ausgeklügeltsten Methoden. Der Zuschauer muss wegsehen.

«THE ROAD TO GUANTÁNAMO» ist ein halbdokumentarischer Film. Er beruht auf Berichten von Opfern, die gerade erneut durch einen Uno-Bericht bestätigt werden, der den USA Folter in ihrem völkerrechtswidrigen Lager vorwirft.

MAN VERLÄSST DAS KINO voller Zorn auf die Regierung Bush, die Folter zulässt, sogar anordnet. Man fragt sich, hilflos erregt, ob denn nicht ein Verantwortlicher wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt werden müsste.

«THE ROAD TO GUANTÁNAMO» ist der richtige Film zur richtigen Zeit: Wir Demokraten in Europa und in den USA nutzen unsere Freiheit, um Verbrechen der eigenen, westlichen Kultur an einer anderen gnadenlos kritisch anzuprangern – vor Millionen Menschen. Das geschieht zufällig und ausgerechnet in den Wochen der islamischen Hetze, des Hasses und der Gewalttätigkeit gegen unsere westliche Freiheitskultur.

GENAU: FREIHEITSKULTUR! Um nichts anderes handelt es sich. Und diese Freiheitskultur gilt auch für islamische Migranten in Europa, in den USA, im Westen überhaupt.

AUCH EIN WEITERER aktueller Spielfilm belegt auf drastische Weise, wie sehr diese unsere Freiheit selbstverständlich auch für die Feinde der Freiheit gilt: In Deutschland läuft seit kurzem der türkische Action-Streifen «Tal der Wölfe». Er bezieht sich auf die soeben mit weiteren Bildern erneut ins Gedächtnis gerufenen Grausamkeiten der US-Besatzer im irakischen Gefängnis Abu Ghraib.

DIE AMERIKANER werden ausnahmslos als sadistische Schlächter dargestellt. In einer Szene werden einem Iraker bei lebendigem Leib Organe entnommen, bestimmt für die USA, Grossbritannien und Israel. Der Westen, die Christen und die Juden sind die Hassobjekte des Films. Sam, der schliesslich zur Strecke gebrachte Amerikaner, personifiziert das absolute Böse.
«TAL DER WÖLFE» ist die bisher teuerste türkische Filmproduktion. Im Publikum sitzen vorwiegend junge Türken. Sie bejubeln die Szene, in der US-Teufel Sam getötet wird. Sie nutzen unsere Freiheit, um ihren Gefühlen, die mit diesem Hetzfilm systematisch hochgepeitscht werden, Ausdruck zu verleihen. Gegen ihre Emotionen gibt es weder im Kino noch vor dem Kino Demonstrationen oder Gewalttätigkeiten durch Bürgerinnen und Bürger, die den Film unerträglich finden.

EXAKT SO IST UNSERE Freiheitskultur beschaffen: Wir drohen nicht, wenn Menschen eine andere Meinung äussern, wir schlagen sie nicht, wir rufen nicht auf zum Mord gegen sie – wir diskutieren kritisch und selbstkritisch.

IM IRAN WIRD gerade ein Karikaturenwettbewerb zum Holocaust ausgelobt, also Hohn und Spott getrieben mit sechs Millionen ermordeten Juden, mit dem Grauen der Gaskammern. Wir, denen diese Provokation gilt, drohen nicht, wir rufen nicht auf zum Mord – wir äussern unsere Empörung in den Medien, in der Politik, im Freundeskreis.

IN DER DEUTSCHEN Tageszeitung «Die Welt» erklärte diese Woche Renato Martino, Kardinal im Kirchenstaat: «Im Westen erwacht eine neue Arroganz.»

HABEN WIR RICHTIG GEHÖRT: Das Bestehen auf unserer Freiheit ist arrogant?

WO IN DER ISLAMISCHEN Welt herrscht Freiheit? Wo im Reiche Allahs werden Kritik und Selbstkritik offen und für Millionen vernehmbar geübt? Wo in den Nationen des Propheten werden Filme gezeigt, die sich gnadenlos mit den Verbrechen der eigenen Regierungen auseinandersetzen? Wo unter der Herrschaft des Korans dürfen sich Ausländer westlicher Herkunft kritisch äussern, ihre eigenen Vorstellungen einer freien Gesellschaft laut kundtun?

ES STIMMT JA, die islamische Welt mit ihrer totalitär-religiösen Kultur ist nicht gleichzusetzen mit unserer offenen Gesellschaft. Das ist aber gerade der entscheidende Punkt: Unsere Freiheit kann sich der islamischen Unfreiheit nicht annähern, schon gar nicht beugen – sonst wird sie beschädigt, ja zerstört.

IM ÜBRIGEN IST auch unsere Freiheit beschränkt: durch das Gesetz. Gegen die Karikaturen ihres Propheten können Muslime im dänischen Rechtsstaat klagen. Der Begrenzung der Freiheit durch Gesetz und Richterspruch haben sich Karikaturisten und Journalisten ebenso zu fügen wie islamische Kläger.

SO IST ES MIT unserer Freiheit bestellt. Kein Jota weichen wir davon ab, keinen Schritt weichen wir zurück. Dagegen ist jeder Muslim frei, jedes Land zu verlassen, dessen Freiheit ihm nicht passt.

Frank A. Meyer Frank A. Meyer

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