Frank A. Meyer Unser Sprachmüll

  • Publiziert: 16.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

Politische Kultur ist immer auch Sprachkultur. Wo sie es nicht ist, ist sie Unkultur. Wir haben lange Jahre solcher Kulturzerstörung hinter uns.

Nachdem nun der deutsche Finanzminister unseren Parlamentariern gegenüber versichert hat, die Schweiz nicht mehr mit Ouagadougou, Ouagadougou dafür nicht mehr mit der Schweiz gleich- und herabsetzen zu wollen, nachdem ferner Nationalrat Hans Rudolf Gysin Peer Steinbrück sogar als sympathisch-streitbaren Menschen bezeichnet und nachdem der Sprachstreit im Steuerstreit allmählich beigelegt scheint – nach all dem dürfen wir nun, was wir am liebsten tun: uns wieder ganz uns selbst zuwenden – zum Beispiel unserer politischen Sprachkultur.

In diesem Zusammenhang formulierte der Literaturwissenschaftler Peter von Matt jüngst in der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Bei der Klage über die politischen Umgangsformen sollte man hierzulande etwas vorsichtig sein. Wir haben unsere Diskussionskultur so sehr verlottern lassen, dass uns die lautstarke Empfindlichkeit nicht gerade gut ansteht.»

Wahrlich, so ist es! Und wahrlich: Wir wissen es. Oder haben wir die Pöbeleien, Schmähungen, Herabsetzungen, Verdrehungen, Unterstellungen und Lügen schon vergessen, haben wir die Hasstiraden bereits verdrängt, mit denen die eine Partei, geführt von dem einen Politiker, die ganze Schweiz überzog? Weit länger als ein Jahrzehnt trat der Populistenführer mit seinen Spiessgesellen jedwede Sprachkultur mit Füssen.

Hat die Schweiz aufgeschrien? Schlug der Blocher-Kohorte eine Welle der Empörung entgegen? Schrieben sprachsensible Journalisten gegen die Verluderung der Streitkultur an? Hat sich irgendwer gekümmert?

Nichts dergleichen. Alle liessen es einfach über sich ergehen. Ja, die Journaille fand das grobe Geschrei, das geistlose Getöse sogar geil: Es lieferte das Spektakel, das man ohne jede eigene geistige Leistung so bequem inszenieren konnte.

Um den vulgären Wüterich zu beschreiben, fiel der politisch-publizistischen Kaste nur das ebenso gemütliche wie harmlose Wort «Polterer» ein. Dessen abfällige Attacken auf Andersdenkende qualifizierte man mit dem verständnisheischenden Begriff «volksnah». Seine Ausfälle gegen Ausländer wurden verbucht unter der Rubrik: «Er sagt, was seine Wähler wollen.» Seine kruden
Reden lobten viele gar als grosse Rhetorik.

Argumentative Auseinandersetzung, Freude am gedanklichen Florettgefecht, eine geschliffene Sprache –all das galt nichts mehr in den letzten 15 Jahren. Hatten denn alle ihren Deutschunterricht vergessen?

Freilich, die gehobene Rede war nie eine Schweizer Kunst. Doch das Bemühen um die deutsche Sprache war einst durchaus eine Tugend der Schweizer Politik. Auch bestimmte das Gebot der Mässigung die Umgangsformen politischer Gegner: Man wusste, wie weit man gehen durfte – nach der Debatte sass man ja noch zusammen.

Die rechten Populisten programmierten das Regelwerk der Schweizer Politik um: Aus Gegnern machten sie Feinde, und Feinde waren politisch – nach Möglichkeit auch persönlich – zu vernichten. Die Journalisten ergötzten sich daran: Sie feierten plumpe Vulgarität als den willkommenen neuen Härtegrad des politischen Konkurrenzkampfes.

Wie war das möglich? Wo waren die gebildeten Wortführer der politisch-kulturellen Elite? Warum fehlte jeder Widerstand?

In einem Essay zur Literatur schreibt Peter von Matt: «Übrigens fehlt es in der Schweiz grundsätzlich und sehr auffällig an einer Kultur der öffentlichen Disputation, einer Streitkultur von Rang, in der sich Härte und Noblesse verbinden und wo der Respekt vor dem Gegner zur Form gehört.»

Von Matts Befund kennzeichnet die Provinzialität der Schweizer Politik, auch deren Rückzug aus der deutschen Sprachkultur, der ja im Boykott des Nazi-Deutsch einst durchaus seine Begründung hatte.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Der deutsche Sprachraum bildet, von der Ostsee bis zu den Alpen, die mächtigste Sprachkultur auf dem europäischen Kontinent. Und wir gehören dazu, auch wenn uns die vielgestaltigen Deutschschweizer Dialektformen am Herzen liegen.

Vielleicht gehören wir gerade deshalb dazu, denn das Übersetzen vom Schweizerdeutsch ins Hochdeutsch kann zu einem ganz besonders bewussten und darum besonders feinen Umgang mit der deutschen Sprache führen. Unsere Schriftsteller, vor allem die Poeten unter ihnen, machen es vor: Frisch schrieb besser als Böll, Dürrenmatt besser als Grass, Muschg ist mit seiner empfindsamen Sprache vielen Kollegen aus Deutschland überlegen, nicht weniger Hürlimann und – auf seine ganz eigenwillige Weise – natürlich Bichsel.

Schweizerdeutsch sprechen wir, Hochdeutsch lernen wir. Das ist die Chance: Aus dem, was uns nicht gegeben ist, was wir also erst erringen müssen, eine Meisterschaft zu machen.

Politische Kultur ist immer auch Sprachkultur. Wo sie es nicht ist, ist sie Unkultur. Wir haben lange Jahre solcher Kulturzer-störung hinter uns. Wir sollten deshalb nicht über andere klagen, bevor wir den Sprachmüll vor der eigenen Tür weggefegt
haben.

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Publizist Frank A. Meyer.

(RDB/Sobli)

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