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Hans-Rudolf Merz hat ein Libretto verfasst. Zu einem Musikwerk über Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes. Man möchte seufzen und ausrufen: Wäre Merz doch bloss ein grosser Librettist statt ein kleiner Bundesrat!
Hans-Rudolf Merz macht uns das Amüsement über seine Person leicht: Er scheiterte als Geiselbefreier bei Gaddafi, er unterlag den USA im Streit um die UBS, er kapitulierte als Krieger für das Bankgeheimnis. Und er täuschte sich und er vehedderte sich und er verhörte sich.
Doch er hat Erzählungen geschrieben und einen Roman, er zitiert bei passender Gelegenheit und immer geistreich aus Goethes «Faust». Nun harren wir sogar seiner Dichtung für den modernen Komponisten Gion Antoni Derungs.
So vielgestaltig ist Hans-Rudolf Merz: Bildungsbürger und Bundesrat, Musikfreund und Minister, Kenner der schönen Literatur und schweizerischer Säckelmeister, Poet und Politiker.
Geht das zusammen? Ja, es geht. Und es reimt sich auf Mensch – deshalb auf den viel bespöttelten Hans-Rudolf Merz, das menschlichste Gesicht der Schweizer Regierung.
An seinen Gesichtszügen ist alles abzulesen, was er gerade durchlebt: die Freude am Deal mit Gaddafi, die Verzweiflung über sein Scheitern; die Streitlust im Kampf um die UBS, die Enttäuschung über deren Geschäftspolitik; die Entschlossenheit, das Bankgeheimnis zu verteidigen, die Einsicht in dessen Ende.
Die berührende und rührende Mimik von Hans-Rudolf Merz ist das Abbild der Schweiz: ein Land zwischen hochgemuter Selbstsicherheit und kleinlauter Verunsicherung, zwischen Uneinsichtigkeit und Lernbereitschaft –
zwischen Gestern und Heute und Morgen.
Hans-Rudolf Merz ist nicht verantwortlich für die historischen Havarien, die der Schweiz in überstürztem Tempo einen Kurswechsel nach dem andern abnötigen. Er durchlebt sie nur als zuvorderst betroffener und deshalb auch zuvorderst scheiternder Politiker. Wie in einer Zwangsjacke steckt er im Mantel der Geschichte, den anzulegen sich zahllose andere Politiker all die Jahre weigerten. Ihm wurde er übergeworfen.
So steht der dilettierende Künstler nun an der Rampe des helvetischen Staatstheaters und spielt die Hauptrolle in einem Stück, dessen Fortsetzung täglich neu geschrieben wird, allerdings nicht von der Schweiz, sondern von den USA, von Italien und Frankreich und Deutschland, auch von der Europäischen Union, sogar von einem degoutanten Despoten wie Muammar al-Gaddafi.
Hans-Rudolf Merz ist der Hauptdarsteller in einer ebenso peinlichen wie leider unvermeidlichen, ja sogar nötigen Schweizer Soap.
All die Fäuste, die wir gegen andere Nationen erheben, all die Verunglimpfungen, mit denen wir die deutsche Kanzlerin überziehen, all unser vulgäres Herumtoben – es nützt nichts. Es schadet nur. Uns selbst.
Die Wirklichkeit lässt sich nicht ausblenden. Wer es dennoch versucht, der schafft sich eine Welt als Wille und Vorstellung. Das böse Erwachen ist dann nur noch eine Frage der Zeit.
Wir verfolgen mit Staunen das rasante Erwachen von Hans-Rudolf Merz: Vorgestern war er noch für dies; gestern dann für das; heute für die Realität. Ein Lernender führt sich selber vor: Er lernt offen, sogar den Gesichtsverlust nimmt er hin, Einsicht ist ihm wichtiger.
Mit Hans-Rudolf Merz liesse sich also öffentlich lernen.
Doch der Appenzeller wird verhöhnt, weil Politik und Publizistik einen Sündenbock benötigen für die fatalen Fehler der jüngsten Schweizer Vergangenheit: von der Verweigerung gegenüber Europa bis zur Tabuisierung des Bankgeheimnisses.
Freilich gehört der Finanzminister – freisinniger Überzeugungstäter, der er ist – ebenfalls zu den Sündern. Doch heute ist Hans-Rudolf Merz vor allem eines: das leidende und das lernende, das gute Gesicht der Schweiz.
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Publizist Frank A. Meyer.
(RDB/Sobli)