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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wissen Sie eigentlich, wer im Augenblick Miss Schweiz ist?
Ich kann ein Ei nicht von einem andern unterscheiden, es sei denn ein weisses von einem braunen, also höchstens eine blonde von einer dunkelhaarigen Miss. Sonst sind für mich all die Schönheitsköniginnen gleich. Am Sonntag las ich, dass gerade eine neue Miss World erkoren worden ist. Aber auch sie sieht aus wie alle Missen.
Wie sehen denn alle Missen aus?
Breiter Mund, Zahnspangen-dressierte Zähne, aufgerissene Augen, lange Beine, Fitness-gedrillter Körper. Alle strahlen und lächeln verzerrt, es ist zum Fürchten. Wenn sie gewinnen, weinen sie und umarmen ihre Konkurrentinnen. Und die Verliererinnen weinen auch und umarmen einander. Dann trippeln sie in langen Kleidern auf High Heels von dannen – und schon kommt die nächste Miss-Wahl.
Trotz Ihres ironischen Untertons – Sie scheinen sich doch sehr für diese Wahlen zu interessieren...
...ich warte seit Jahren auf eine wirklich schöne Miss, stelle aber immer wieder enttäuscht fest, dass Missen und Schönheit einfach nicht zusammenpassen. Es ist ein Riesen-Missverständnis.
Ein Missverständnis?
Diese netten, jungen Frauen, gegen die ich weiss Gott nichts habe, verkörpern für mich die Klon-Schönheit «avant la lettre».
Die was?
Sie erfüllen, als wären sie gentechnisch geklont, alle Bedingungen der Medienwelt: Schönheit als Verzierung und Verpackung, also als Verkaufsargument. Schönheit als Erfolgsfaktor, also als Sieg der Oberfläche. Schliesslich Schönheit als Realitätsflucht, also Schönheit für den Bildschirm – die Scheinwerfer blenden das Leben aus.
Und was ist für Sie wahre Schönheit?
Gesichter, in denen sich das Leben spiegelt; Körper, denen man ansieht, dass sie nicht auf Perfektion getrimmt sind; kleine ästhetische Fehler, die man lieben kann; ein inneres Strahlen, das zu Herzen geht. Das Echte, Unperfekte. Echt und unperfekt wie das Leben eben. Der Mensch ist ja das Leben. Und das ist schön.
Nennen Sie mir zwei, drei Frauen, die Sie schön finden.
Jeanne Moreau finde ich schön, bis heute, sie ist schon über achtzig. Fanny Ardant, die französische Schauspielerin, finde ich schön, zauberhaft, anmutig, sie ist fast so alt wie ich, also alt. Auch Michelle Hunziker wird gerade schön, weil ihr das Leben zu schaffen macht.
Wie erklären Sie sich den Boom der Schönheitsoperationen?
Unsere total ökonomisierte Welt ist eine Wahn-Welt, eine Waren-Welt. Schon pubertierende Mädchen haben ein Waren-Verhältnis zu ihrem Körper: Sie spritzen sich Botox, um einem Frauen-Bild zu entsprechen, das ihnen aus Modezeitschriften entgegenlächelt – durch Bildbearbeitung jeder Natürlichkeit beraubt. Die Schönheitschirurgen entfernen mit Spritzen und Messern die Spuren des Lebens, neuerdings auch bei Männern.
Haben Sie denn gar kein Verständnis für den unwiderstehlichen Drang, unwiderstehlich zu erscheinen?
Perfekte Konsum-Körper und glatte Konsum-Gesichter sind vielleicht sexy. Erotisch sind sie nicht, und daher auch nicht unwiderstehlich. Erotische Körper, erotische Gesichter zeigen Spuren echten Lebens. Nicht der Botox-Spritze. Nicht des Skalpells.
Ihre Meinung interessiert uns: Sind Missen wirklich schön? Oder eignen sich wirklich schöne Frauen nicht als Missen?