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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sind die Medienschaffenden gerade dabei, die Bevölkerung in eine kollektive Depression zu treiben?
Sie meinen, weil wir im Augenblick so viele schlechte Nachrichten überbringen?
Genau das meine ich.
Zunächst wäre festzuhalten, dass durch die Finanzkrise bis jetzt ungefähr 25 Billionen Dollar Aktienkapital vernichtet worden sind. Dieses Desaster lässt sich auch durch irgendwelche journalistischen Sprachgirlanden nicht aufhübschen.
Da haben Sie sicher recht. Aber legen wir in unseren Artikeln nicht immer noch eins drauf? Malen wir nicht tagtäglich den Teufel an die Wand?
Ich bin gegen das Malen und für das Recherchieren, Berichten, Analysieren. Wir sind dafür zuständig, dass unser Publikum versteht, was geschieht. Nicht zuständig sind wir für die Stimmung. Das wäre auch heikel, denn wie wir wissen, ist Ökonomie vor allem Psychologie. Wer täglich das Gerücht verbreitet, dass es der UBS weit schlimmer gehe als tatsächlich, der beschädigt unsere Volkswirtschaft: Die Menschen verfallen in Schockstarre und konsumieren nicht mehr.
Und doch scheint es eine Art medialen Wettbewerb zu geben: Wer die noch schlechtere Nachricht bringt, gewinnt...
...dieses Phänomen müssen wir vor dem Hintergrund der jüngsten Vergangenheit betrachten: Fast zwei Jahrzehnte lang war in den Wirtschaftsredaktionen der Jubel-Journalismus Trumpf. Sie jubelten den Helden der Wall Street und den Matadoren vom Paradeplatz zu, den flotten Managern mit ihren fantastischen Profiten, Gehältern und Boni. Manche unserer Kollegen lagen vor ihnen flach auf dem Boden wie Priester vor dem Papst. Auch liebten sie es, an der Welt der neuen Reichen teilhaben zu dürfen, in ihren Villen, auf ihren Festen und Segelyachten Kaviar-Canapés zu mampfen und Champagner zu schlürfen.
Sie selbst sind diesem Rausch nie verfallen?
Ich trinke gern Rotwein, ansonsten bin ich gegen Rauschdrogen immun!
Also noch einmal ganz nüchtern nachgefragt: Sie geben uns Journalisten eine Mitverantwortung an der Krise?
Viele waren zumindest Schreibtisch-, respektive Laptop-Täter. Es wurden sogar eigens Zeitschriften für diese Glitzerwelt gegründet, denken Sie an «Park Avenue» oder die deutsche «Vanity Fair». Auch hierzulande huldigte man – zum Beispiel in der «Bilanz» – dem neureichen Geldadel. Den Politikern dagegen wurde die Narrenkappe aufgesetzt. Narr war, wer den entfesselten Kapitalismus regulieren wollte.
Können Sie das belegen, Frank A. Meyer?
Ich gebe Ihnen dafür ein besonders drastisches Beispiel: In der «Neuen Zürcher Zeitung» schmähte Wirtschaftschef Gerhard Schwarz jahrelang und systematisch den Staat. Heute muss dieser diffamierte Staat die neoliberalen Casino-Kapitalisten retten. Darum wundert es mich nicht, dass viele Kollegen jetzt mit schwarzem Journalismus ihren Kater nach der Party ausleben.
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