Zum Schluss Über Schulnoten, Banknoten und die Herznote

  • Publiziert: 16.04.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die regionalen Privat-TV-Sender der Deutschschweiz machen gerade mit einem Experiment Furore, bei dem Schüler für gute Noten Geld erhalten.
Das verwundert mich nicht.

Was verwundert Sie nicht?
Es verwundert mich nicht, dass jemand in unserem Land auf diese Idee kommt...

Diese Antwort wiederum verwundert mich.
Warum? Die Schweiz ist Bankenland. Bankenland ist Boniland. Die Banken haben der jungen Generation vorgemacht, dass man Lohn dafür bekommt, sich an den Arbeitsplatz zu setzen – dass man aber erst wirklich etwas leistet, wenn Boni winken. Der Boniwahn hat die ganze Gesellschaft erfasst. Jetzt offensichtlich bis in die Schulen hinein.

Erklären Sie das bitte näher!
Die Banken-Mentalität wird zur Schulbank-Mentalität: Alles nach Geld bemessen, jede Idee, jedes Wissen, jeder Fleiss. Die Banken bunkern nicht nur toxische Papiere, wie man ihren Anlageschrott heute so niedlich nennt, die Sondermüll-Deponien an der Zürcher Bahnhofstrasse vergiften seit Jahren auch unser Denken. Die Idee, gute Schulleistungen mit Geld zu erkaufen, ist eine vergiftete Idee.

Unsere Schulkinder haben ein Problem mit der Lernbereitschaft. Was wäre Ihre Lösung?
Es gibt sicherlich viele Gründe für die Leistungsschwäche von Schülerinnen und Schülern. Ein Grund ist die totale Geldorientierung der Gesellschaft: Reich werden, ganz schnell reich werden – das wird der jungen Generation als höchstes Ziel vor Augen gesetzt. Am besten wird man reich, indem man Geld durch Geld macht. Und wer das nicht schafft, gilt als gescheitert. Je höher die Ausbildungsstufe, desto stärker prägt sich das aus. Das fatalste Beispiel ist die Universität St. Gallen: Sie züchtet die kalte Mentalität des Markts als höchstes Lebensgefühl.

Und was wäre Ihre Alternative?
Dass man nicht bei der Jugend ansetzt, sondern bei den Erwachsenen.

Nämlich?
Nämlich indem wir wieder wirkliche Werte vorleben: Herznote statt Banknote. Liebe und Zärtlichkeit und echtes Interesse statt Konkurrenz und Neid und Statussymbole. Unser Lob für das Kind, das ein gutes Zeugnis nach Hause bringt, muss wieder wertvoller werden als Geld und Gadgets. Der Kuss der Mutter für ein gut bestandenes Deutsch-Diktat muss das Kind wieder beflügeln. Die elterliche Besorgnis über mangelnden Fleiss muss wieder Ansporn sein. Das alles sind ganz einfache Dinge, weit entfernt vom Geld, aber ganz nah beim Menschen.

Ihre Meinung interessiert uns: Sollen gute Schulleistungen mit Geld belohnt werden? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

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Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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