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(Foto: Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)
Sagen Sie mal, Thomas Hürlimann, kennen Sie eigentlich die letzte Seite im SonntagsBlick Magazin: «Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer», das Gespräch, das normalerweise auf diesem Platz stattfindet?
Ich lese es jede Woche.
Und wie finden Sie es? Ganz ehrlich...
Also...je schärfer Sie fragen, Herr Walder, desto lieber lese ich es. Auch Meyers Kolumne lese ich regelmässig – die ist, zusammen mit der «Weltwoche», seit Jahren meine Verbindung zur Heimat.
Sie lesen Meyers Kolumne aus Heimweh?
Ja. So bin ich über vieles informiert, was in der Schweiz passiert. Auch schätze ich Meyers Analysen. Denn Kolumnenschreiben ist eine Kunst für sich. Beim Tausend-Meter-Lauf können Sie einen verpatzten Start locker aufholen. Beim Hundert-Meter-Lauf wird es schon schwieriger. Eine Kolumne ist Zehn-Meter-Lauf. Da müssen Sie einen perfekten Start hinlegen. Meyer kann das.
Kennen Sie ihn persönlich?
Ja. Seit wir beide in Berlin leben, er im Westen, ich im Osten, treffen wir uns hie und da zum Essen. So konnten wir uns näher kennenlernen. Als ich für die Figur des Aladin in meinem Roman «Der grosse Kater» gewisse Eigenschaften von Meyer verwendet habe, war er mir nur vom Hörensagen bekannt. Zu meiner Verblüffung erhielt ich eines Abends einen Anruf: «Hier ist Aladin» – das war Meyer. Wie Sie sehen, hat er mit Grandezza auf eine Porträtierung reagiert, die andere wohl eher zum Anlass für eine Klage genommen hätten.
Wie würden Sie seine Rolle in der Schweiz beschreiben?
Früher, zu Zeiten von Kurt Furgler, Willy Ritschard und Hans Hürlimann, meinem Vater, war der Bundesrat eine verschworene Gemeinschaft. Die brauchte eine Verbindung nach aussen. Frank A. Meyer, damals in einer Suite im Bellevue residierend, hat diese Verbindung geschaffen. Heute ist das Gremium keine Einheit mehr, jedes Departement wuselt für sich, hat seine eigenen Berater und seine eigenen Kontakte zu den Medien. Deshalb ist Meyer nach Berlin gezogen, vermute ich. Jetzt lebt er seine Talente hier aus, in enger Verbindung mit den Grössen der deutschen Politik.
Frank A. Meyer scheint in der Branche nicht sonderlich beliebt zu sein, wenn man liest, was alles über ihn geschrieben wird. Warum polarisiert der Mann so stark?
Er ist ein linker Moralist. So jemand kennt nur Verehrer oder Gegner. Als einer der Ersten hat Meyer die Gefahren des globalen Kapitalismus erkannt – dafür verdient er meine Bewunderung. Aber wenn er, wie viele Linke, der perversen Utopie nachhängt, von graugesichtigen Brüsseler Funktionären verwaltet zu werden, dann löst das meinen Widerstand aus. Trotzdem schätzen wir uns sehr. Wenn ich als Gast an seiner grosszügigen Tafel sitze, geniesse ich zu einem exzellenten Rotwein seine brillante Rhetorik, mit der er meine Einwände gegen den Schweizer EU-Beitritt wegbügeln möchte.
Wie wirkt er?
Der grosse Theaterregisseur Werner Düggelin und Frank A. Meyer haben etwas gemeinsam. Sie können mit einem Bundesrat oder Bundeskanzler gleich gut umgehen wie mit einer Klofrau. Um es mit einem Bild von Ernst Jünger zu sagen: Düggelin und Meyer spielen auf dem gesellschaftlichen Klavier ganz unten und ganz oben am besten.
Und: Was bewirkt er?
Frank A. Meyer ist der linksliberale Vordenker eines Konzerns, der nach kapitalistischen Regeln funktionieren muss. Also bewirkt er etwas sehr Spannendes: Spannungen.
Frank A. Meyer feiert am Dienstag seinen 65. Geburtstag. Was, denken Sie, wird er tun, nachdem er dieses nun doch historische Datum erreicht hat?
Ich hoffe, dass er weitermachen wird wie bisher: als jüngster Kolumnist von Ringier.