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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, wir haben am vergangenen Sonntag übers Auto gesprochen. Lassen Sie uns zu diesem Thema fortfahren: Soll der deutsche Staat Opel retten?
Sie könnten auch fragen: Soll der deutsche Staat die Arbeitsplätze von 25 000 Opel-Arbeitern retten? Opel ist eine Marke. Aber die Opel werden von Menschen gebaut, von Arbeitern, «Opelianern», wie sie sich selbst nennen. Damit wird der Entscheid schon wesentlich schwieriger. Das Problem lässt sich nämlich nicht allein makroökonomisch analysieren.
Ihre Antwort ist also: ja.
Mit der Frage zeigen Sie Ihre soziale Sensibilität: Sie entscheiden sich für die Menschen und gegen die makroökonomische Betrachtungsweise. Wenn Opel verschwindet, bleiben die Marken VW und Ford und BMW und Mercedes – es geschieht also scheinbar wenig. Die Ökonomen sprechen in solchen Fällen von einer Marktbereinigung. Doch Marktbereinigung kennt keine Menschen: Wenn Opel verschwindet, verlieren Zehntausende ihre existenzielle Grundlage, und zwar weit über Opel hinaus. Denn an diesem Werk hängen Zulieferbetriebe, Dutzende davon übrigens in der Schweiz. Man muss auch wissen, dass mehr als die Hälfte der Teile eines modernen Autos durch ebensolche Zulieferer hergestellt wird.
Lassen Sie mich grundsätzlich werden, Frank A. Meyer: Soll oder muss der Staat alles retten, was eine gewisse Grösse hat?
Der Staat rettet seit Monaten Banken. Sie seien relevant fürs System. Den Opel-Arbeitern jedoch hält die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegen, ihr Werk sei «nicht systemrelevant». Man muss sich einmal vorstellen, wie das auf einen Menschen an einer Werkbank oder einem Fliessband wirkt. Er stellt ganz konkrete Werte her, macht den Rücken krumm und die Hände schmutzig – und muss hinnehmen, dass man nicht seinen Arbeitsplatz rettet, sondern die Arbeitsplätze und die Boni-Gehälter von Bankern und Zockern, und zwar mit der Rechtfertigung, sie seien «systemrelevant». Das geht einfach nicht in die Köpfe der Menschen. In meinen Kopf auch nicht.
Ich verstehe Ihren Punkt. Er bringt mich zur nächsten Frage: Soll der Staat demzufolge Unternehmer werden?
Alles, was der Staat jetzt zur Stützung der Wirtschaft unternimmt, tut er ja keineswegs freiwillig. Die Finanzkapitalisten haben ihm ihren Giftmüll vor die Füsse gekippt. Dieser Müll vergiftet gerade die ganze wertschöpfende Wirtschaft. Also kommt der Staat – das heisst, die Politik! – gar nicht darum herum, auch Arbeitsplätze der realen Wirtschaft zu retten.
Also wird der Staat Unternehmer. Kann er das? Ökonomen sagen doch mit einem gewissen Recht, der Staat sei ein schlechter Unternehmer...
Die Ökonomen, die jetzt gegen Staatsinterventionen aufjaulen, sind genau jene Ökonomen, die noch vor sechs Monaten den Markt verabsolutierten. Sie sind die Schreibtischtäter des Crashs. Eigentlich müssten sie schuldbewusst den Mund halten. Aber wir Journalisten befragen sie ja weiterhin jeden Tag: kritiklos, mit Bückling wie immer.
Nochmals: Kann der Staat das?
Wer soll es denn sonst können? Auch wenn wir nicht mit Bestimmtheit wissen, ob der Staat es kann, muss er es versuchen, wenigstens vorübergehend. Sicher wissen wir nur eines: dass die marktradikalen Grossmäuler der Finanzwirtschaft es nicht konnten.