
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sollten wir nicht über Barack Obamas Europabesuch reden?
Nein.
Warum nicht?
Ich bin übersättigt.
Übersättigt von seiner gigantischen Vier-Tage-Show? Oder von dem Politiker Obama?
Obama ist Obama ist Obama. Aber Medien und Menschen machen den lieben Gott aus ihm. Fehlt nur noch, dass wir zu ihm beten.
Was heisst das: «Obama ist Obama ist Obama»?
Er ist nicht der liebe Gott. Er ist ein Politiker. Ein US-Politiker.
Und wie kommt es dann, dass die Medien in aller Welt diesen Politiker derart hochschreiben?
Die Welt dürstet nach einem Weltenretter. Die Finanzkrise ist eine Welt-Krise, die erste Krise der Globalisierung. Und Obama ist der erste globalisierte Politiker: Nicht ganz schwarz. Nicht ganz weiss. Sohn einer Amerikanerin und eines Kenianers. Aufgewachsen in Kansas, Indonesien und Hawaii. In Harvard zum Intellektuellen ausgebildet. Als Sozialarbeiter sensibilisiert für die Armen des eigenen Landes. Durch die Verwandtschaft in Afrika sensibilisiert für die Armen dieser Welt. Sein zweiter Vorname ist Hussein, er ist ein Christ mit einem Gespür für den Islam. Globalisierter geht es kaum.
Weltpräsident Obama: Das ist das Klischee. Aber wer steckt wirklich hinter diesem Image?
Ein blendender Polit-Profi. Nur: Wer blendet, den sieht man nicht. Darum sind wir auch blind für die Tatsache, dass Obama vor allem ein Politiker seines Landes und für sein Land ist.
Wie meinen Sie das?
Bei all dem weltweiten Jubel wird ausgeblendet, dass Barack Hussein Obama ein amerikanischer Politiker ist und daher erstens und zweitens und drittens amerikanische Interessen vertritt.
Welche zum Beispiel?
Zum Beispiel ist ihm die Idee einer internationalen Kontrolle des amerikanischen Finanzsektors völlig fremd. Die USA ertragen nicht den geringsten Eingriff in ihre Souveränität.
Weitere Beispiele, bitte!
Zum Beispiel fordert Obama die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, was die EU politisch lähmen, wenn nicht zerstören würde. Die USA dulden keine andern Mächte neben sich, schon gar nicht Europa, das sie jahrzehntelang dominierten. Ein drittes Beispiel: Sogar Bushs Politik der Intervention in Afghanistan, inzwischen auch in Pakistan, führt Obama weiter und verlangt dafür militärische Unterstützung. Die USA sind nicht bereit, ihre Weltpolitik allein zu tragen und zu finanzieren, auch wenn sie allein darüber entscheiden.
Und wo bleibt das Positive, Frank A. Meyer?
Durch seine intellektuelle Brillanz, durch seine Offenheit, durch seine Fähigkeit zuzuhören und zu diskutieren hat Barack Obama schon jetzt die internationale politische Kultur verändert. Er hat neue Standards gesetzt – für Partner wie Gegner. Wer ihm gewachsen sein will, braucht ebenfalls Brillanz, Offenheit und Diskussionsfreude. Falsch allerdings wäre es, nun einen europäischen Obama zu suchen. Richtig wäre, Obama als das zu sehen, was er ist: the 44th President of the United States of America.
Ihre Meinung interessiert uns: Brauchen wir einen schweizerischen Obama? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.