Zum Schluss Über Killerspiele und Kinderhelden

  • Publiziert: 19.03.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, beim Amoklauf in einer Schule im deutschen Winnenden hat ein 17-Jähriger 15 Menschen erschossen und danach sich selbst gerichtet. Was löst dieses Geschehen in Ihnen aus?
Ich bin ratlos.

Aber irgendeinen Erklärungsansatz muss es doch geben…
Die äusseren Lebensumstände des Amokläufers Tim lassen bestimmt die eine oder andere Erklärung zu. Aber niemand kennt seine Seele. Er hat sich nicht offenbart. Er war ein verschlossener Mensch. Gerade diese Verschlossenheit mag die schreckliche Persönlichkeits-Explosion mitbewirkt haben. Aber auch da bleibt nur die Vermutung.

Steht diese Tat für eine Tendenz? Für eine Zunahme der Gewalt bei Jugendlichen?
Sicher erleben wir Jugendgewalt heute intensiver als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Junge Mörder bieten in der heutigen Medienwelt spektakuläre Geschichten. Das grösste denkbare Medienspektakel ist sicherlich der Amoklauf eines pubertierenden jungen Mannes, der reihenweise Frauen erschiesst, Schülerinnen und Lehrerinnen. Das erschüttert alle, weil alle die Tat in ihrer Wohnstube miterleben: am Bildschirm, auf drei Meter Distanz, genau bis in die blutigen Einzelheiten, ja sogar in Zeitlupe.

Nochmals: Gibt es mehr Gewalt bei den jungen Menschen?
Die Statistiken belegen es nicht. In Deutschland sank die Zahl der Gewaltverbrechen von Jugendlichen im letzten Jahr sogar. Aber es gibt mehr medienwirksame Gewalt.

Was meinen Sie damit?
Der Amokläufer von Winnenden hat sich für die Medien inszeniert. Er ist tot, aber postum weltbekannt – ein abscheulicher Star. Bereits kursieren im Internet bewundernde Wortmeldungen anderer Jugendlicher. Sie machen den Mörder zum Helden. Gerade im Netz ist Gewalt ein grosses Faszinosum.

Sie sprechen auf die Killerspiele an.
Es wird zwar gerne bestritten, dass die Bildschirm-Gewaltgames die Hemmschwelle von Kindern und Jugendlichen herabsetzen. Sicher ist jedoch, dass Gewalt etwas Gewöhnliches wird, wenn sie nachgespielt werden kann: als Gemetzel und Gemeuchel, je brutaler und realistischer, desto geiler.

Der Amoklauf als reale Fortsetzung der Fiktion auf dem Bildschirm?
Der Amokläufer von Winnenden hat solche Brutalogames gespielt, wie viele andere jugendliche Gewalttäter. Das ist doch auffällig. Am Bildschirm werden junge Menschen zu Tätern erzogen: Sie töten virtuell, mit einem Klick. Die Gewalttat hinterlässt kein schlechtes Gewissen. Die Spiele werden in dieser Szene häufig kollektiv gespielt. Der Sieger wird bewundert.

Ihrer Argumentationskette folgend müssten diese Killerspiele verboten werden.
Es ist mir völlig schleierhaft, weshalb solche Bildschirm-Brutalität noch nicht verboten ist. Wer Kriegs – und Killerspiele für Kinder erfindet, ist moralisch verludert. Wer jungen Menschen mörderische Spiele verkauft, handelt kriminell.

Ihre Meinung interessiert uns: Müssen brutale Computerspiele verboten werden? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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