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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie fliegen ja oft zwischen Zürich und Berlin hin und her. Wurden auch Sie von der Aschewolke des Vulkans Eyjafjallajökull gegroundet?
Vorigen Samstag musste ich mit der Bahn von Zürich nach Berlin. Umsteigen in Mannheim. Acht Stunden Fahrt.
Und, wie ging das?
Mit Lesen und Schlafen und SMS-Schreiben und Telefonieren und Kaffee und Kuchen.
Sie schaukelten also gemütlich durch die Katastrophe?
Katastrophe ist immer!
Wie meinen Sie das?
Ich habe mich nach der Vogelgrippe gefragt, was wohl als Nächstes käme. Es kam dann die Schweinegrippe. Letzte Woche hatten wir den Vulkan, vorher gab es gottlob noch eine kleine Katastrophe für zwischendurch: den chinesischen Tanker im Barrier Reef.
Die Menschheit macht sich Sorgen und Sie machen sich lustig!
Ich verweigere mich nur der medialen Hysterie. Die Schweinegrippe war letztlich nur eine Grippe, die Pandemie hat nie stattgefunden, der Impfstoff verrottet, die Pharma-Industrie hat ihr Geschäft gemacht, die Apokalyptiker suchen sich neue Katastrophen. Und nun kam ihnen Vulcanus zu Hilfe, der Gott des Feuers.
Medien sollen berichten, was ist. Sie sollen ihre Leser und Hörer und Zuschauer und User ernst nehmen. Die aber interessieren sich nun mal für Schweinegrippen und Aschewolken.
Die Medien machen aus der Wirklichkeit ihre eigene Wirklichkeit. Die schlimmstmögliche Wendung eines Geschehens ist ihnen gerade gut genug. Es wurde ja in den letzten Tagen schon fantasiert, was es bedeuten könnte, wenn die Vulkanasche über Europa hängen bliebe. Wochenlang! Monatelang!! Ein ganzes Jahr!!! Der Schwachsinn hat Methode.
Dass sich trotz allem medialen Alarmismus nur ein Bruchteil der Bevölkerung gegen die Schweinegrippe impfen liess, spricht für Ihre These. Aber sind denn die Journalisten wirklich allein schuld an der öffentlichen Hysterie?
Zu jedem Medienhype gehören Akteure, in erster Linie Wissenschaftler und Politiker. Sie lassen sich binnen Stunden mobilisieren, bevölkern Tag und Nacht die Talkshows, füttern im Minutentakt die Mikrofone hungriger Interviewer, beschwören nach Lust und Laune den Weltuntergang und verkünden ihre Rettungspläne. Die Welt der Medien, die Welt der Wissenschaft und die Welt der Politik bilden ein eingespieltes Kartell, das den Vorrat an verfügbaren Katastrophen zuverlässig verwaltet. Sie betrachten das Geschehen nicht im Licht der Tatsachen, sondern im Licht der medialen Dramaturgie, also im Licht ihres eigenen öffentlichen Auftritts.
Was ist Ihre Konklusion?
Keine.
Keine?
Natürlich keine – was interessiert die Katastrophenritter ihr Alarmgeschwätz von gestern!