Walder & Meyer Über Jugend, Gewalt und Gutmenschen

  • Aktualisiert am 19.01.2012
Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.- Geri Born / Illustration: Igor Kravarik

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, in München wurde ein 50-jähriger Geschäftsmann von Jugendlichen zu Tode geprügelt, weil er Kinder in der S-Bahn schützen wollte. Wie reagieren Sie auf diese schreckliche Tat?
Mich packt die kalte Wut: Junge Menschen schlagen und treten auf ein wehrloses Opfer ein, wie im Rausch. Aber es ist kein Rausch, sie wissen, was sie tun. In München kam es ja schon zu ähnlichen Taten: Jugendliche traktierten in der U-Bahn einen Rentner mit Fusstritten und Fausthieben und verletzten ihn lebensgefährlich. Kürzlich waren es drei Schüler aus Küsnacht, die in Bayerns Hauptstadt mehrere Menschen, darunter einen Behinderten halb tot schlugen. Tatorte sind aber auch Zürich oder Berlin oder Hamburg. Die brutale Jugendgewalt ist Alltag in den grossen Städten.

Sie sagen: Die wissen, was sie tun. Nur: Wissen wir, was gegen solche Exzesse hilft?
Wir brauchen – sofort! – hartes Durchgreifen, mehr Polizei auf der Strasse, Patrouillen mit Hunden, rasches Aburteilen, Höchststrafen.

Wie hoch sollen die Strafen sein?
Lebenslänglich muss endlich auch für junge Totschläger und Mörder möglich sein! Vor allem aber geht es mir um die Härte des Verfahrens: sofortige Verhaftung, zügige Ermittlung, rasche Aburteilung. Zu viele gewalttätige Jugendliche können heute auf einen verständnisvollen Jugendrichter zählen, der sie als bedauernswerte Opfer von Eltern- oder Lehrerversagen sieht – und nach der Vernehmung gleich wieder nach Hause schickt. Unter ihresgleichen prahlen diese Prügler dann mit ihren Taten.

Wo hat diese zunehmende Brutalisierung ihre Gründe?
Als ich jung war, haben wir uns auch geprügelt. Das waren Raufereien unter Jungen – lag einer auf dem Boden, wars genug. Wir folgten einem Fairness-Kodex. Heute gehen jugendliche Gewalttäter auf Kinder los, auf alte Menschen, auf Invalide sogar – auf Wehrlose. Das lernen die jungen Brutalos nicht zuletzt in einschlägigen Video-Games, in denen sie Mörder, Folterer und Vergewaltiger spielen dürfen. Auf Schulhöfen kursieren schon Handy-Videos von sterbenden Menschen, an denen sich Schüler delektieren. Allerdings ist die virtuelle Gewaltorgie nur die Anleitung zur Tat, nicht deren Ursache.

Ich frage ja: Wo liegt die Ursache?
Unsere ganze Gesellschaft ist brutalisiert. Auch ganz oben, wo jeder gegen jeden kämpft. Die hemmungslose Gewalttätigkeit junger Menschen spiegelt den hemmungslosen Kampf um Macht und Geld und Erfolg in der Wirtschaft. Siegen ist dort alles, verlieren nichts. Das bekommen die jungen Menschen täglich mit.

Ganz schön hart: Sie vergleichen jugendliche Täter mit Wirtschaftsakteuren.
In der Wirtschaft sieht man sich gerne als Elite. Doch was strahlt diese Elite denn aus? Gemeinschaftsdenken? Verantwortungsbewusstsein? Sensibilität für andere? Für Schwächere gar?

Gehen Sie nicht zu weit?
Ich stelle nur die Frage nach den Vorbildern. Die tonangebende Finanz-Kaste hat auf ihrem Ego-Trip das kapitalistische System an den Rand des Abgrunds manövriert. In diesen Kreisen bezeichnet man Menschen, die sich für das Gute in der Gesellschaft einsetzen, verächtlich als «Gutmenschen». So weit haben wir es gebracht: «Gut» und «Mensch» bilden ein negatives Begriffspaar. In München wurde ein Gutmensch erschlagen.

Ihre Meinung interessiert uns: Was für Vorbilder braucht unsere Jugend? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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