Zum Schluss Über Jackson, Journalisten – und Gott

  • Aktualisiert am 19.01.2012
Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.- Geri Born / Illustration: Igor Kravarik

Die Welt trauert um Michael Jackson – trauert Frank A. Meyer auch?
Nein.

Sein Schicksal erschüttert Sie nicht?
Mich erschüttern andere Dinge. Im Iran werden Menschen gejagt, gefoltert, getötet, weil sie um ein bisschen mehr Demokratie, um ein bisschen mehr Gleichberechtigung für die Frauen kämpfen.

Mich interessiert aber Ihre Meinung über Michael Jackson…
Michael Jackson ist in der Tat ein interessanter Fall: Triumph und Traurigkeit bestimmten sein Leben. Interessant ist aber vor allem die Reaktion unserer Mediengesellschaft. Jackson war schon immer ein bisschen verrückt, die Medien gebärden sich jetzt völlig verrückt. Und zwar auch solche, von denen wir etwas anderes erwartet hätten, zum Beispiel das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Was haben Sie denn da gelesen?
Eine Titelgeschichte, in der Jackson allen Ernstes als «Gott» bezeichnet wird, der «für uns geträumt» und uns «unsere Albträume abgenommen hat». Das ist das Bild vom Jesus, der für die Menschen leidet, der für sie stirbt, ihnen ihre Schuld abnimmt.

Ist es nicht legitim, wenn Journalisten ausdrucksstarke Bilder finden?
Es ist die Frage, welche Bilder! Die Jesus-Jackson-Story geht ja noch weiter. Für den «Spiegel» ist der Popmusiker «ein Fabelwesen vom anderen Stern» – vom Himmel hoch, da kam er her. Auch die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» kann sich nicht mehr halten: «Er sang für uns, tanzte für uns, verzauberte und schockierte uns.» Bei Springer griff der oberste Verlagschef, Mathias Döpfner, höchstselbst in die Tasten, um dem Moonwalker den Segen der «Bild»-Zeitung zuteil werden zu lassen. Auch der Manager erkennt in Jackson «einen Einsamen von einem anderen Stern». Apropos Moonwalk: Wenn einer den Eindruck erweckt, gleichzeitig vorwärts wie rückwärts gehen zu können, ist er für den «Spiegel» gleich «von allen irdischen Fesseln befreit». Jackson ging übers Wasser.

Sie zitieren immer nur. Haben Sie auch selbst eine Meinung?
Es gab grössere Popmusiker, grössere Stars: die Beatles oder Elvis zum Beispiel. Jackson war nur der grössere Selbstinszenierer – bis hin zur Selbstzerstörung. Seine Konzerte jedoch hatten wirklich einen Zauber. Man wusste nie: Hört man zu oder sieht man zu.

Das waren seine Triumphe. Was ist mit seiner Traurigkeit?
Traurig war seine Unfähigkeit, das Älterwerden zu akzeptieren. Er war Peter Pan, das ewige Kind. Damit verkörperte er den zunehmenden Infantilismus unserer Gesellschaft, von der kindisch-kriminellen Gier der Finanzwelt bis zum kindisch-schwachsinnigen Schwulst der Medien.

Das tragische Ende von James Dean, Marilyn Monroe, Jimi Hendrix oder Elvis Presley beschäftigt uns bis heute. Wird es bei Jackson auch so sein?
Ich zitiere nochmals die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung»: «Wer hätte daran geglaubt, dass einer wie er sterblich ist?» Man wird wohl nach drei Tagen das Grab öffnen müssen. Vielleicht ist er ja auferstanden.

Ihre Meinung interessiert uns: War Michael Jackson der grösste Künstler der Popmusik? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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