Zum Schluss Über grosse und nicht so grosse Bundesräte

  • Publiziert: 21.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, seit 40 Jahren verfolgen Sie die Politik in Bern. Wer war in dieser Zeit der beste Bundesrat?
Der beste? Es wäre vermessen, das beurteilen zu wollen. Aber mein liebster war Willi Ritschard. Er wurde 1973 als Aussenseiter gewählt, gegen den offiziellen Kandidaten der Sozialdemokraten.

Erzählen Sie etwas von Willi Ritschard, bitte!
Ich habe seine Kandidatur in meinen Kommentaren hart bekämpft. Bei unserer ersten Begegnung sagte er mir dann: «Sie sind ein Kamel.» Ich war noch ab und zu ein Kamel, aber es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Viel länger musste ich um die Freundschaft von Greti Ritschard kämpfen. Sie war die Schlüsselfigur in Willis Leben. Vor wenigen Tagen ist leider nun auch sie verstorben.

Was machte Ritschard zu Ihrem liebsten Bundesrat?
Er war nicht nur mein liebster, sondern auch ein sehr guter Bundesrat. Er war ein grosser Demokrat, ein grosser Kämpfer, ein grosser Entscheider. Er entschied sogar gegen die Partei, wenn es ihm nötig erschien. Er litt dann zwar schrecklich, erklärte sich aber immer vor den Genossen. Überhaupt war Willi Ritschard auch ein grosser Erklärer.

Ein grosser Erklärer?
Er erklärte den Menschen die Politik in all ihrer Komplexität, auch die Wichtigkeit der Politik für den Einzelnen predigte er geradezu hingebungsvoll.

Willi Ritschard gilt heute als Arbeiter-Bundesrat...
...weil er aus der Gewerkschaftsbewegung kam. Aber eigentlich war er ein Arbeiter-Intellektueller.

Was heisst das, ein Arbeiter-Intellektueller?
Ihn faszinierten Denker wie Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt, wie auch er für die beiden ein Faszinosum war. Er hörte ihnen zu, sie hörten ihm zu. Mit Peter Bichsel machte er einen grossen Poeten und Nachdenker zu seinem persönlichen Mitarbeiter, und zwar ganz offiziell. Das war damals ein Novum.

Wie erlebten Sie Willi Ritschard persönlich?
Auf Wanderungen, an gemeinsamen Abenden, auch in Gesellschaft mit anderen Freunden. Er war ein zärtlicher und grollender und glücklicher und niedergeschlagener Mensch. Meinem Vater, der fast eine Generation älter war als er, sagte er einmal: «Machen Sie sich keine Sorgen um Frank. Wenn Sie einmal nicht mehr da sind, bin ich da.» Dann starb er doch vor ihm.

Was macht einen Bundesrat zum grossen Bundesrat?
Sicher die Fähigkeit zur Kollegialität. Sicher die Bereitschaft, sich in die Landesregierung einzuordnen, manchmal sogar sich unterzuordnen. Also auch Entscheidungen mitzutragen, die nicht der eigenen Überzeugung entsprechen. Denn nur, wenn dies funktioniert, verfügt die Schweiz mit dem Bundesratskollegium über eine Festung der politischen Stabilität. Die Kultur der kollektiven Verantwortung garantiert in der Regel eine gewisse Klugheit der Entscheidung. Wer richtig miteinander diskutiert, ist nachher klüger als zuvor.

Kann man von vornherein wissen, ob sich jemand zum Bundesrat eignet?
Selten weiss man es genau, oft ahnt man es. Mir hat die grosse Bundeshaus-Journalistin Beatrice Steinmann 1971 bei der Wahl von Kurt Furgler erklärt: «Das Entscheidende für einen neuen Bundesrat sind die wenigen Meter von der Tür des Nationalratssaales bis zur Stelle, an der er schwört. Der Politiker, der reinkommt, ist nicht der Politiker, der rausgeht.» Eine wunderbare Beobachtung, eine Weisheit. Denn dieses Amt verwandelt den Politiker – ganz von Anfang an. Manchmal sogar zum Staatsmann. Manchmal allerdings auch nicht.

Ihre Meinung interessiert uns: Was macht einen grossen Bundesrat aus? Diskutieren Sie mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 64, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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