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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, die Kaufzeitungen haben leicht Leser verloren – schon wieder. Wie lange gibt es uns noch?
Es wird immer Zeitungen geben.
Aber der Trend ist negativ. Kaufzeitungen verlieren Leser, Gratiszeitungen gewinnen Leser …
Sie vergleichen Äpfel mit Kartoffeln! Erstens leisten sich Kaufzeitungen einen ganz anderen, immer noch aufwändigeren, inhaltsreicheren Journalismus. Zweitens muss die Auflage von Kaufzeitungen mit Werbung und Marketing erkämpft werden, die von Gratiszeitungen dagegen kann man auf der Landkarte abstecken.
Das ändert nichts am negativen Trend. Müssen wir damit leben, dass wir jedes Jahr ein bisschen weniger Leser haben?
Vielleicht haben die Leser ja den umgekehrten Eindruck: dass sie jedes Jahr fürs selbe Geld etwas weniger zu lesen haben. Überall wurden in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren Inhalte kleingespart oder ganz weggespart.
Was meinen Sie damit?
Die Finanzmanager der Zeitungsverlage sind erfasst von Schockstarre. Sie sitzen vor dem Internet wie das Mäuschen vor der Schlange. Aber das Internet ist keine Schlange. Es ist nur ein neues Medium, irgendwo zwischen digitaler Müllkippe und Informations-Variété. Es wird seinen Platz finden und die Zeitungen werden ihren Platz behaupten.
Von welchem Platz reden Sie?
Ich rede vom wichtigsten, weil unverzichtbaren Medium der Demokratie. Es gibt keine Demokratie ohne Zeitungen! Das gedruckte Wort steht am Ursprung der politischen Emanzipation des Menschen: von den revolutionären Flugschriften über Diderots Enzyklopädie bis eben zu den Zeitungen. Auch die Menschenrechte wurden gedruckt und die Verfassungen aller modernen Gesellschaften sind festgehalten auf Papier.
Zurück zur Gegenwart: Sind die Menschen überhaupt noch bereit, Geld für Informationen zu zahlen?
Es geht um mehr als nur Informationen. Mit denen werden die Konsumenten ja gratis zugeschüttet und zugedröhnt: von Radio, Fernsehen, Online-Diensten, neuerdings auch von Gratiszeitungen. Die Kaufzeitung hat eine andere Aufgabe: Sie muss diese Informationsflut kanalisieren. Sie muss den Lesern Orientierung bieten – politisch, kulturell, historisch! Das Tagesgeschehen muss begreifbar werden. Schreiben Sie das mit Bindestrich: be-greifbar. Auch die Zeitung selbst ist ja greifbar. Nach ihr zu greifen, muss wieder ein Vergnügen sein.
Sie verbinden schwierige Adjektive miteinander: kulturell und historisch auf der einen Seite, vergnüglich auf der andern.
Sprache ist Vergnügen! Nichts vergnügt Kinder mehr, als wenn sie Wörter entdecken und erste Sätze bilden. Und Erwachsene erzählen sich am Stammtisch oder am Esstisch vergnügt Geschichten, spannend und farbig, mit Ironie und Häme, begeistert oder empört ... Eigentlich machen die Menschen im Alltag all das, was die Journalisten in ihren Redaktionen weniger und weniger beherrschen.
Lieber Frank A. Meyer, ich leite die Redaktion der grössten Schweizer Zeitung: Ich gebe meinen Protest zu Protokoll ...
Sie tun ja auch einiges. Aber es geht nicht um Sie und um uns. Der Verlust ist viel breiter: Wo sind die Schreiber und Analytiker, die mit Witz und Schärfe, mit eigenem Stil und Standpunkt einen aufregenden, zwingenden Journalismus betreiben? Kaufzeitungen müssen süchtig machen! Das geht nur über journalistische Persönlichkeiten – die man lesen will, wegen denen man die Zeitung kauft. Die aber gibt es nur, wenn der Verleger selbst süchtig ist nach Schreibern und Denkern.
Die schreiben und denken zu lassen, ist Ihr Rezept?
Ja, wir müssen unsere entleerten Kaufzeitungen wieder mit prallem, sinnlichem Journalismus füllen. Es wird sich herumsprechen.