Walder & Meyer Über George Clooney, «Avatar» und die wirkliche Wirklichkeit

  • Publiziert: 14.03.2010, Aktualisiert: 02.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie die Oscar-Nacht im Fernsehen verfolgt?
Ich habe tief geschlafen.

Gehen Sie wenigstens ins Kino?
Neuerdings jede Woche. Ich entdecke Filme.

Erzählen Sie!
Ich liebe klassisch gemachte Produktionen, die eine gute Geschichte erzählen, in einem Bild- und Sprachtempo, wie es heutzutage aussergewöhnlich ist: ruhig und langsam – einfach so, wie Filme waren, bevor uns sogenannte Blockbuster mit hektischen Schnitten und zerhackten Dialogen bewusstlos in die Kinosessel prügelten.

Sie meinen «Avatar».
Den meine ich auch. «Avatar» lebt vor allem vom Triumph des 3-D-Schnickschnacks und von der Tatsache, dass er der teuerste Film aller Zeiten sein soll. Ich hoffe, ja, ich bete, dass es der letzte Streifen dieser Art ist.

Da werden Sie lange beten müssen.
Nein, es besteht Hoffnung: Die Kultur verändert sich. Die gigantischen Action-Schinken der letzten Jahre waren doch nur Ausdruck der brutal beschleunigten Ökonomie – noch mehr, noch lauter, noch gewalttätiger. Nie war etwas gross genug, nie schrill genug. Wir wurden zugedröhnt mit Special Effects, Surround Sound und anderem technischem Terror. Und nun erlebe ich plötzlich wieder filmische Kammerspiele.

Ach ja?
Ich gebe Ihnen drei Beispiele: «The Ghost Writer» von Roman Polanski, «An Education» nach dem Drehbuch von Nick Hornby und «Up in the Air» mit George Clooney. Alle sind glasklare Erzählungen, wobei der Zuschauer wie aus einem Fenster ins Freie blickt und das Geschehen auf wundersame Weise distanziert betrachtet. Das ermöglicht das Nachdenken, das darüber Reden nach dem Film, das Entdecken von zweiten und dritten Ebenen. Man schleppt sich nicht erschlagen aus dem Kino, man tritt befreit ins Freie. «Up in the Air» schildert übrigens die Menschenferne des kapitalistischen Systems, wie wir es gerade erleben.

Wie meinen Sie das?
Clooney spielt einen hauptberuflichen Entlasser: Er reist, immer mit dem Rollkoffer, von Stadt zu Stadt, von Firma zu Firma, um Menschen zu verkünden, dass man sie nicht mehr braucht. Er tut dies anstelle der Chefs, die zu feige dafür sind. Und er tut es ohne jede Beziehung zu all den Arbeitnehmern, die er ins Unglück stösst. In ihm erblickt jeder Zuschauer Figuren aus unserer wirklichen Wirtschaftswelt – Controller und Consultants und Sanierer und Outsourcer, das ganze Rollkoffer-Kommando eben, das zwecks Optimierung durch die Chefetagen wieselt.

Einen Oscar hat Clooney nicht bekommen ...
... ich bin auch etwas enttäuscht. Denn er spielt seine Figur dermassen gut, dass ich mich frage: Hat der Kerl in St. Gallen studiert?

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz.

Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

Top 3

1 Frank A. Meyer Die eine und die andere Wahrheitbullet
2 Frank A. Meyer Was für Sätze!bullet
3 Frank A. Meyer Nachrichten aus Neuenburgbullet

Politik