Zum Schluss Über Freiheit, Sicherheit und Sicherheitswahn

  • Publiziert: 22.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, besitzen Sie einen biometrischen Pass? Mein Baby Norah ist zehn Monate alt und hat bereits einen...
Ich bin stolz auf meinen wunderschönen chipfreien Papierpass.

Stolz?
Ja: stolz auf meinen Status als unverdächtiger Patriot. Denn schliesslich bin ich noch nicht per Fingerabdruck polizeilich total erfasst.

Das hilft Ihnen wenig, wenn Sie ab März 2010 ausserhalb Europas verreisen möchten. Dann benötigen Sie einen Pass mit gespeichertem Fingerabdruck.
Ich nehme zur Kenntnis, dass jeder Bürger in Zukunft als potenzieller Straftäter gilt – typisch für den Sicherheitswahn unserer Zeit. Bisher mussten nur Verbrecher oder Verdächtige Fingerabdrücke abliefern.

Die Passdaten werden zentral gespeichert, aber auf keinen Fall für Fahndungszwecke verwendet. So verspricht es unsere Justizministerin. Vertrauen Sie ihr denn nicht?
Bundesrätin Widmer-Schlumpf vertraue ich vollkommen. Null Vertrauen habe ich in die Verwalter der zentralen Fingerabdruck-Datei.

Und wieso?
Wir haben aus der Fichenaffäre vor genau 20 Jahren gelernt, dass wir den Datensammlern des Bundes kein Vertrauen entgegenbringen dürfen, insbesondere nicht denen der Polizei-, Fahndungs- und Geheimdienste. Das ist übrigens nicht nur in der Schweiz so.

Sie tönen mir nun doch allzu misstrauisch.
Ich teile mein Misstrauen immerhin mit fast fünfzig Prozent der Schweizerinnen und Schweizer: Sie haben am letzten Wochenende genau dieses Misstrauen zum Ausdruck gebracht. Wären liberales Denken und kämpferischer Freisinn in den bürgerlichen Parteien tiefer verankert, hätte es locker zur Mehrheit gegen die Fingerabdruck-Zentrale gereicht. Kämpferischen Freisinn aber gibt es leider nur noch für die Wirtschaftsfreiheit, nicht mehr für die Bürgerfreiheit.

Sie wurden damals selbst fichiert. Darum erklären Sie heute pauschal alle Sicherheitsdienste zu Schnüffelbehörden!
Seit Jahren schon wird wieder geschnüffelt und fichiert, Herr Walder! Dieser Krake wachsen stets neue Köpfe nach. Man muss sie immer wieder abschlagen – allzu lange hat man das nicht getan. Jetzt wirft man der Krake die ganze Bevölkerung per Fingerabdruck zum Frass vor.

Ihr Misstrauen geht sehr weit...
Es gab Zeiten, in denen ich Leuten, die in den Schnüffeldiensten arbeiteten, nicht einmal die Hand gab. Ich verstehe heute noch nicht, wie jemand in einem solchen Job Erfüllung finden kann.

Bei aller Kritik – ein Staat braucht diese Dienste.
Zum Teil mag das stimmen, zum Teil bilden wir uns das ein. Das ist der Widerspruch in der freiheitlichen Gesellschaft: Sie braucht Informationen über Leute, die Demokratie und Rechtsstaat gefährden. Also braucht sie Bedienstete mit Talent zur Denunziation. Aber gerade darum benötigt sie das Misstrauen, ja den Widerwillen der freiheitlichen Bürgerschaft gegen jede Form von Erfassung und Überwachung.

Und wie wollen Sie diesen Widerspruch auflösen?
Im konkreten Fall durch das Nein zur zentralen Fingerabdruck-Kartei, das gerade hauchdünn gescheitert ist. Grundsätzlich durch Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle.

Ihre Meinung interessiert uns: Können wir den Schweizer Datensammlern trauen? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 43 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz

Frank A. Meyer, 65, arbeitet als Journalist im Hause Ringier

Top 3

1 Frank A. Meyer Die eine und die andere Wahrheitbullet
2 Frank A. Meyer Was für Sätze!bullet
3 Frank A. Meyer Ausgerechnet die UBSbullet

Politik