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Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, 2009 ist vorbei. Schade ... oder Gott sei Dank?
Weder noch.
Ich meine: Was gibt uns das Jahr mit? Was lernen wir aus den zwölf Monaten, die hinter uns liegen, für die nächsten zwölf?
Das Übliche.
Was meinen Sie mit «das Übliche»?
Das Übliche ist, was wir jedes Jahr aufs Neue begreifen müssen: Es gibt keine Erlösung! 2009 begann mit Barack Obama. Die Menschen erblickten in ihm eine Art Weltpräsident. Und nun, zwölf Monate später, haben sie begriffen: Er ist nur Präsident der USA, was ja auch schon viel ist. 2009 endet mit der Klimakonferenz in Kopenhagen. Die Menschen hatten sich die grösstmögliche Lösung erhofft, die Rettung der Welt. Aber es wurde nur ein enttäuschender Kompromiss. Also auch hier: keine Erlösung.
Enttäuschung – ist das alles, was von 2009 bleibt?
Ja, Enttäuschung, wie üblich. Aber nehmen Sie den Begriff einmal auseinander: Ent-Täuschung. Wer Erlösung herbeisehnt, der wird durch die Wirklichkeit ent-täuscht. Immer. Das ist sehr nützlich.
Wem soll Enttäuschung nützen?
Den Bürgerinnen und Bürgern. Weil sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Die Sehnsucht nach Erlösung entsteht ja aus dem Wunsch, die Probleme zu delegieren – an eine Überfigur, einen Weltpräsidenten, einen Messias. Ent-Täuschung lehrt uns, dass der Kampf weitergeht. Und von uns selbst geführt werden muss.
Können denn die Bürger selbst überhaupt etwas verändern?
Barack Obama wurde von den Bürgern der USA gewählt. Er ist zwar kein Weltpräsident, aber im Vergleich zu seinem Vorgänger ein viel besserer Präsident. Die Konferenz in Kopenhagen war Folge eines politischen Klimas, das Millionen engagierter Bürger erzeugt haben. Zwar ist die politische Klimaformel noch nicht gefunden. Aber ein weiterer Schritt ist getan. Bürger, die sich engagieren, vor allem in den Demokratien, bewegen auch etwas. Die Welt bietet 2010 zwar keinen Grund zum Frohlocken. Aber auch keinen zum Verzweifeln.
Für die Schweiz war 2009 schon eher zum Verzweifeln. Wird 2010 besser?
Die Schweiz wurde schwer ent-täuscht. Sie hat sich getäuscht über ihre Rolle in Europa, über ihre Rolle in der Welt. Das ganze Jahr bestand für die Schweizer aus «Trial and Error», aus Versuch und Irrtum. Wir wollten möglichst viel Liebgewonnenes bewahren: das Bankgeheimnis, das Ansehen in der Welt, den Mythos von der unbefleckten Nation. Die Ent-Täuschung war unausweichlich. Aber sie bringt uns weiter. Schritt für Schritt. Und wir lernen: Die Demokratie bewegt sich in Schritten. Mal in grossen, mal in kleinen. Aber nie in Sprüngen.
Ihre Meinung interessiert uns: War 2009 für die Schweiz ein gutes oder ein schlechtes Jahr? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.