Walder & Meyer Über einen guten Vorsatz zum neuen Jahr

  • Publiziert: 07.01.2010, Aktualisiert: 02.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, Sie waren in den Ferien, ich war in den Ferien: Worüber wollen wir reden?
Über Albert Camus.

Über den französischen Schriftsteller und Philosophen also, der «Die Pest» geschrieben hat, «Der Fremde» und «Der erste Mensch»... Aber weshalb wollen Sie über ihn reden?
Er starb vor 50 Jahren, am 4. Januar 1960, als er im Sportwagen gegen einen Baum prallte. Ich habe die ersten Tage des neuen Jahres in der Provence verbracht, ganz in der Nähe von Lourmarin, wo Camus lebte und auf dem Dorffriedhof seine letzte Ruhe fand. Ich besuche das Grab jedes Jahr.

Sie verehren ihn?
Er spielte für meine persönliche Entwicklung eine grosse Rolle. Ich gehöre zu einer Generation, die sich in seinem Denken wiederfand, sogar nach seiner Philosophie zu leben versuchte – wobei sich zum Namen Camus immer auch der von Jean-Paul Sartre gesellte. Sie waren das denkerische Doppelgestirn unserer Jugend. Apropos Jugend: Was bedeutet Camus eigentlich für Ihre Generation, Marc Walder?

Camus ist für mich ziemlich weit weg…
Ich habe das Gefühl, er ist wieder ganz nah.

Wie kommen Sie darauf?
Camus setzte sich mit dem Sinn des Lebens auseinander, mit der Moral des Einzelnen und seiner Verantwortung für die Gesellschaft. Das waren für uns – mitten im Kalten Krieg – existenzielle Fragen. Sein Denken war tief geprägt von den Schrecken des Naziregimes und des stalinistischen Terrors: Abgründe der Menschheitsgeschichte, die es zu überwinden und für immer zu verhindern galt.

Aber wo sehen Sie da Parallelen zu heute?
Ein Kernsatz von Albert Camus lautet: «Nur eins scheint mir auf der Welt wichtiger als Gerechtigkeit: wenn nicht die Wahrheit selbst, dann wenigstens das Streben nach Wahrheit.» Das ist doch ein exzellenter Leitspruch, gerade auch für uns Journalisten. Camus war mit seiner Philosophie immer ganz nahe beim Menschen. Für Sartre, der als Philosoph sicher brillanter war, kam das Denken vor dem Menschen.

Camus und Sartre, das weiss ich noch aus dem Gymnasium, gehörten zur Schule der Existenzialisten…
Ihr Denken drehte sich um die Bedingungen unserer Existenz, um die «Geworfenheit» des Menschen in sein Leben. Daraus entwickelte Camus die Philosophie des Absurden: Der Mensch rollt seinen Stein den Berg hinan, wie der griechische Sagenheld Sisyphos. Der Stein rollt zurück – und wir müssen ihn wieder und wieder den Berg hinaufrollen. Diese Absurdität raubt dem Leben jeden höheren Sinn, also hilft nur die Erkenntnis, dass der Mensch seine Existenz selbst mit Sinn erfüllen muss. Zu diesem Lebenssinn gehört die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze, für die Gesellschaft.

Das war jetzt aber sehr philosophisch!
Aber doch auch sehr klar: Camus plädiert für die Freiheit des Einzelnen, die ihren Sinn in der Freiheit des anderen findet, also in der Freiheit aller. Das ist Camus’ grosse Aufforderung: uns zu engagieren über unser persönliches Wohlergehen hinaus. Ist das nicht ein sehr aktuelles Programm für unsere Zeit – und ein wunderbarer Vorsatz fürs neue Jahr?

Ihre Meinung interessiert uns: Soll man sich für andere engagieren? Diskutieren Sie hier mit anderen Lesern.

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier

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