Walder & Meyer Über die zwei Muttersprachen der Deutschschweizer

  • Publiziert: 20.03.2010, Aktualisiert: 02.01.2012
play Marc Walder, 44 (l.), ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier. (Geri Born / Illustration: Igor Kravarik)

Marc Walder: Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, was ist Ihre Muttersprache – Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch?
Beides.

Beides?
Schweizerdeutsch war meine erste Sprache. Die ersten Wörter – Mamma, Pappa – habe ich in reinstem Schweizerdeutsch betont, wie jedes Baby. Hochdeutsch war meine zweite Sprache: spätestens als ich Mickey-Mouse-Heftchen zu lesen begann.

Ist Hochdeutsch für uns eine Fremdsprache?
Nein, eine Muttersprache. Die Mütter reden mit ihren Kindern Schweizerdeutsch, lesen ihnen aber in Hochdeutsch aus dem Märchenbuch vor. Wir wachsen mit zwei deutschen Sprachen auf. Wir sind in unserer eigenen Sprache zweisprachig.

Sollen wir Schweizer in unserem Land nun also Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch mit den Deutschen reden?
Hochdeutsch.

Und warum?
Weil wir uns damit der Muttersprache bedienen, die wir mit deutschen Gesprächspartnern teilen. Das Schweizerdeutsche ist eine wunderbare Umgangssprache, gewissermassen unsere Geheimsprache, von der viele Deutsche behaupten, sie würden sie prima verstehen – was aber nur falsch verstandene Höflichkeit ist.

Schweizer reden aber selten perfekt Hochdeutsch. Das führt zu einem sprachlichen Minderwertigkeitskomplex, der …
Dieser Komplex ist völlig unangebracht. Übrigens haben den auch die Süddeutschen: Das Land Baden-Württemberg hat daraus einen wunderbaren Werbeslogan gemacht, der auch von den Plakatwänden in Berlin leuchtet: «Wir können alles. Ausser Hochdeutsch.»

So gesehen sind auch wir beinahe Deutsche!
Wir sind auf jeden Fall Teil des deutschen Sprachraums. Also kulturell Deutsche. Nehmen Sie unsere Literatur: Keller, Frisch, Dürrenmatt, Muschg, Bichsel, Hürlimann, Widmer, von Matt, neuerdings Suter – alles Deutschschweizer und eben auch Schriftsteller des deutschen Sprachraumes. Sie zählen zur deutschen Literatur.

Wieso lesen viele Deutsche besonders gern Schweizer Autoren?
Leser mit Lust an guter Sprache lieben Literatur aus der deutschen Schweiz. Denn Schweizer Schriftsteller pflegen ein sehr bewusstes Verhältnis zu ihrer zweiten Muttersprache, dem Hochdeutschen. Sie haben mehr Distanz dazu. Das führt zu einer ganz besonderen Sensibilität und Klarheit der Sprache. Frisch beispielsweise schrieb besser als Böll. Das Sprachbewusstsein der Deutschschweizer Dichter ist extrem entwickelt, weil sie mit Wörtern und Sätzen, mit der Melodie des Geschriebenen ringen. Das geschriebene Deutsch fällt ihnen nicht zu, sie kämpfen darum.

Gilt das auch für uns Nicht-Literaten?
Ich glaube schon. Wer Hochdeutsch redet, merkt, dass er bewusster redet, Sätze bewusster bildet. Unsere zweite Muttersprache zwingt uns, klarer und präziser zu formulieren, also auch klarer und präziser zu denken. Der Minderwertigkeitskomplex vieler Deutschschweizer ist daher völlig überflüssig. Wir sind an Sprache reicher als die Deutschen.

Marc Walder, 44 (l.), ist Geschäftsführer von Ringier Schweiz .

Frank A. Meyer, 66, arbeitet als Journalist im Hause Ringier.

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